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Treffpunkte des Widerstands

Der Widerstand hatte seine eigene Logistik und ähnelte einem Netz. Die Treffpunkte entsprachen den Knoten, die das Netz zusammenhielten. Sie waren gegenüber Entdeckung besonders sensibel.

 

Peter Lang, Zählermonteur bei den Städtischen Elektrizitätswerken, Mitglied der inzwischen verbotenen SAP, bis zum 2. Mai 1933 Mitglied des Gewerkschaft der Gemeinde- und Staatsarbeiter und als Kassierer tätig, nimmt am 16. Mai 1933 an einem Treffen teil, zu dem einige Tage zuvor ein ehemaliges Mitglied der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition am Arbeitsplatz eingeladen hat. Treffpunkt ist unter der Bahnbrücke hinter dem Schlachthof. Thema ist die Bildung gewerkschaftlicher Widerstandsgruppen in städtischen Betrieben unter Führung der KPD.

 

Bereits der Treffpunkt ist bezeichnend für die Situation. Mit dem Verbot der Arbeiterparteien, der Zerschlagung der freien Gewerkschaften und der Übernahme der Betriebsräte durch den NSBO ist schlagartig die Infrastruktur bisheriger politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeit beseitigt. Die nationalsozialistische Enteignung und Bereicherung an Gewerkschafts- und Parteihäusern, an Volkshäusern oder, nach dem Verbot der Organisation im Oktober 1933, an Wanderheimen der Naturfreunde, nehmen traditionelle Treffpunkte und Versammlungsorte. Räume in Schulen konnten auch mietweise für Stadtteilarbeit oder Vorstandssitzungen genutzt werden.

 

Das Treffen vom 16. Mai endete in einem Fiasko. Zu den durch die Gestapo Verhafteten gehörte Peter Lang. Nach seiner Freilassung im August 1933 war er von der Stadt entlassen und arbeitslos.
In Rödelheim, wo der 26-jährige mit seiner Familie 1933 wohnte, diente sein Gartengrundstück an der Gaugrafenstraße als Treffpunkt, insofern „unverdächtig“, als Kleingärten schon immer Treffpunkte gewesen waren und relativ geschützt, weil die Nachbarn ebenfalls Arbeiter waren.

 

Treffpunkte blieben Gastwirtschaften, traditionelle „Arbeiterkneipen“, deren Wirte wie Heinrich Bender, der Inhaber der Gastwirtschaft Bender-Schuch in Praunheim, Sozialdemokraten waren. 1938 pachtete der Kommunist Eugen Weisenseel in der Altstadt die Gastwirtschaft Schwalbach, die Treffpunkt einer Widerstandsgruppe wurde. Ehemalige ZdA-Jugendliche trafen sich in einer Gartenwirtschaft in Bornheim. Treffpunkt von Sozialdemokraten waren das Café Rothschild in der Nähe der Hauptwache und das Café Metz in der Altstadt. Im Strandbad Hausen traf sich bis 1939 am Wochenende ein größerer Kreis von Sozialdemokraten, der Hilfsmaßnahmen für verfolgte Genossen beriet. Ein Büro, das der Makler Josef Göbel in der Kaiserstraße angemietet hatte, diente bis Mitte 1938 als Anlaufstelle für Post und für Kuriere für die illegale Bezirksleitung der KPD.

 

Paul Grünewald fand bei der Suche nach einer Sitzungsmöglichkeit für die illegale Bezirksleitung der KPD das katholische Heim für Kaufleute und Studenten. Er stellte sich als Vertreter mit Untervertretung vor, der in regelmäßigen Abständen abrechnen müsse und hätte, falls erwünscht, auch ein Kolleg mit Bewirtschaftung erhalten.

 

Häufig genutzte „Treffpunkte“ waren vor allem in den ersten Jahren nach 1933 gemeinsame Wanderungen oder Wochenendausflüge mit Fahrrädern und Zelten in den Taunus, die als Familienausflüge getarnt waren. Die Teilnehmer fuhren auf getrennten Wegen aus der Stadt heraus und trafen sich erst vor Ort.

 

Die „Treffpunkte“ waren die sensiblen und risikoreichen Knotenpunkte des „Netzwerkes“ Widerstand: Austausch von Informationen, Absprachen, Übergabe und Verteilung „illegalen“ Materials oder von Geldern, die zur Unterstützung Inhaftierter und deren Familien gesammelt worden waren. Eine kommunistische Widerstandsgruppe in Fechenheim hatte die Forsthausstraße, den Ostbahnhof, den Börsenplatz und die Großmarkthalle als Treffpunkte. Belebte Orte eigneten sich für informelle Kontakte, aber nicht für die Übergabe von „illegalem“ Material. Treffpunkte, wie zum Beispiel eine bestimmte Telegrafenstange an der Babenhäuser Landstraße, boten den Vorteil der Vorfeldsicherung. „Tote Briefkästen“ minderten das Risiko.

 

Lore Wolf, in der „Roten Hilfe“ zuständig für die Erstellung der Matrizen der „illegalen“ Zeitungen und Flugblätter, holte die Manuskripte in einer Leihbücherei im Bahnhofsviertel ab, die der ehemalige Pfarrer Erwin Eckert eingerichtet hatte. Sie lagen in den Büchern, die sie auslieh. Die beschriebenen Matrizen übergab sie an wechselnden Treffpunkten einem Genossen, den sie nur mit seinem Decknamen kannte. Wo das Abzugsgerät stand, wusste sie nicht. Als Anlaufstelle für mit der Post verschickte Anweisungen und Informationen diente eine Scheinfirma auf der Zeil. Der Postbote gehörte dazu und übergab an die Scheinfirma adressierte Post an Lore Wolf.

Der Widerstand hatte seine eigene Logistik und ähnelte einem Netz. Die Treffpunkte entsprachen den Knoten, die das Netz zusammenhielten. Sie waren gegenüber Entdeckung besonders sensibel.



Autor/in: Jürgen Steen
erstellt am 01.01.2003
 

Verwandte Personen

Eckert, Erwin


Göbel, Josef


Grünewald, Paul


Lang, Peter


Weisenseel, Eugen


Wolf, Lore

Verwandte Begriffe

Gleichschaltung


KPD


NSBO


RGO


SAP

Verwandte Orte

Café Metz


Café Rothschild


Gaststätte Bender-Schuch


Gastwirtschaft Schwalbach


Heim für Kaufleute und Studenten


Leihbücherei


Schlachthof


Strandbad Hausen



 
 
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