Sektion Frankfurt am Main des Deutschen Alpenvereins

Frankfurter Alpenvereins-Mitglieder auf dem Weg zur Einweihung des Vereinshauses Oberreifenberg, Mitte der 30er Jahre.

Ernst Meissinger (hinten, 2.v.l.) mit Schülern des Frankfurter Philanthropin.

Titelblatt des vereinseigenen Nachrichten-Blattes 4/1938 zum Anschluss Österreichs.

Die 1869 gegründete Frankfurter Sektion des damaligen „Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“ war, anders als die Mehrheit im Gesamtverband, vor 1933 von selbstverständlicher Offenheit gegenüber den jüdischen Mitgliedern geprägt. Viele angesehene jüdische Ärzte, Anwälte, Notare und Wissenschaftler gehörten zur Mitgliedschaft. Dazu passt auch die Aussage des Führungsmitglieds Prof. Dr. Matthias Friedwagner im März 1930: "Wir fragen nicht nach der politischen oder konfessionellen Eigenart, sondern nur nach dem Anstand derer, die sich uns anschließen, nach dem alpinen Herzen, das Verständnis für das Große, Schöne und Ideale in sich birgt“.

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das schlagartig. Die Sektion passte sich schnell an die nationalsozialistische Doktrin an, dabei dürfte auch die Nähe der traditionellen Alpenvereinswerte zur nationalsozialistischen Heroisierung von Natur, Heimat und Körperkult  eine Rolle gespielt haben. So wurde bereits Anfang 1933 Dr. Arthur Kutz, angesehener Frankfurter Gynäkologe mit jüdischen Wurzeln, nach vielen Jahren im Sektionsvorstand nicht wieder in das Gremium gewählt – der damalige Vorsitzende Max Moritz Wirth äußerte in der Zeit die Hoffnung, dass der Verein mit einer „judenreinen“ Führung vom NS-Regime unbehelligt gelassen werde.

 

Bereits im September 1933 übernahm Ernst Wildberger, NSDAP-Mitglied und Scharführer bei der SA, die Sektionsführung. Sein Stellvertreter wurde  Patentanwalt Max Moritz Wirth. Bereits ein knappes Jahr später wurde Rudolf Seng Sektionsvorsitzender, ebenfalls seit 1933 NSDAP-Mitglied.

 

Wildberger und dann Seng leiteten die Ausgrenzung jüdischer Mitglieder aus der Sektion  zügig in die Wege. Das „Nachrichten-Blatt“ des Vereins informierte die Mitgliedschaft im Juli 1933, die Mitgliederversammlung habe über den „Arierparagraphen“ abgestimmt „mit dem Ergebnis, daß künftig „Nichtarier“ nicht mehr als Mitglieder aufgenommen werden dürfen“. In der nötigen Satzungsänderung hieß es auch: „Nichtarier können grundsätzlich nicht Mitglieder bleiben.“ Es galten aber die Ausnahmeregeln des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums: Unter anderem waren Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und ihre Angehörigen nicht betroffen. Diese Ausnahme entfiel aber 1936 in der Einheitssatzung, die die Nürnberger Gesetze von 1935 umsetzte.

 

Um 1933 dürfte die Sektion noch  mehr als 120 jüdische Mitglieder gehabt haben. Wie genau der Verein den „Arierparagraphen“ praktisch umsetzte, darüber gibt es wenige Belege, allerdings dürfte sich das Klima für sie massiv verschlechtert haben. Im Jahresbericht für 1933 ist vom „Austritt einer Reihe nichtarischer Mitglieder“ die Rede – offen bleibt, ob diese freiwillig gingen oder unter Druck gesetzt wurden. Nur im Fall des Protestanten Ernst Meissinger, lange Leiter der Studentischen Abteilung der Sektion, ist schriftlich belegt, dass der Vorsitzende Seng ihn 1935 mit Verweis auf Meissingers jüdische Mutter ausschloss.  Um diese Lücke zu füllen, rekonstruiert die Sektionsprojektgruppe „Spurensuche Nationalsozialismus“ seit 2019 Schicksale damaliger Mitglieder, die als Jüdinnen und Juden verfolgt und ermordet wurden. Nachzulesen sind bisher fast 30 Biographien auf spurensuche.dav-frankfurtmain.de.

 

Die Gleichschaltung schritt voran. Seit 1934 galt im Verein das Führerprinzip, Sektionsführer Seng entschied fast alles allein, den Führungsstab ernannte er. Neue Köpfe hatten das Sagen - darunter etwa Max Tasche, der schon 1933 in die NSDAP und die SA eingetreten war und unter Rudolf Seng immer mehr wichtige Funktionen bekam. So war er ab 1937 als Dietwart für die politisch-weltanschauliche Schulung der Mitglieder zuständig. Jean Braumann leitete ab 1933 die Jungmannschaft (erwachsene Alpinisten bis etwa 27 Jahren) sowie später die Jugend. Er diente im Zweiten Weltkrieg in einer SS-Division. Fritz Peters hatte schon vor 1933 das Nachrichten-Blatt gesteuert und tat das weiterhin. Von Beruf war er bis 1945 Redakteur beim Frankfurter General-Anzeiger und hatte Ämter im Reichsverband der Deutschen Presse inne.

 

In der Einheitssatzung von 1938 wurde in Paragraph 2 die „Pflege des Volksbewusstseins im Geiste des nationalsozialistischen Staats“ verankert. Auch übernahm die Frankfurter Sektion nun das NS-Emblem auf die Nachrichten-Blätter. Im Februar 1942 schrieb Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter von Österreich und Führer des Deutschen Alpenvereins, vertraulich an alle Sektionen zum Umgang mit sogenannten „Juden-Mischlingen“, also Jüdinnen und Juden mit einem nicht-jüdischen Elternteil oder Großelternteil. Darin heißt es, Aufnahmeanträge von „Mischlingen jeden Grades“ seien „grundsätzlich abzulehnen (…) Mischlinge, die schon Mitglieder sind, können wegen ihrer Eigenschaft als Mischlinge allein nicht ausgeschlossen werden.“

 

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte das Vereinsleben auch in anderer Hinsicht. Schwer traf den Verein die sogenannte „Grenzsperre“: Das NS-„Gesetz über die Beschränkungen der Reisen nach der Republik Österreich“ von 1933 verlangte für die Einreise nach Österreich die Zahlung von 1000 Reichsmark. Die Frankfurter Sektion, die mehrere alpine Schutzhütten in Tirol betrieb, verlor damit erhebliche Einkünfte, denn der Hüttenbetrieb war unmöglich. Auf der anderen Seite florierten auch in den 30er Jahren noch die jährlichen „Winterfeste“ der Sektion im Zoo-Gesellschaftshaus. Noch 1936 kamen 3000 Besucher und vergnügten sich mit Musik, Schuhplattler, Schießbuden und Tanz.

 

Ab 1938 setzte sich nationalsozialistischer Propagandaton endgültig durch. Den Anschluss Österreichs an Nazideutschland 1938 begrüßten die Frankfurter Alpinisten begeistert. Nicht nur, dass sie wieder auf ihre Hütten fahren konnten – im Nachrichten-Blatt vom April 1938 heißt es, dass man nun „am Ziel der völkischen Einigung“ sei. „Mit heißem Dank an dem Führer steht man einsatzbereit zu weiterem Wirken mit eisernem Willen nach Bergsteigerart.“

 

In seinem Weihnachtsgruß von 1940 lobte Sektionsführer Seng die Opferbereitschaft und Treue der Alpenvereins-Bergsteiger, die alles beitrügen, dass „Deutschland sich den Platz an der Sonne erkämpft, den es verdient“. Zu dem Zeitpunkt war militärischer Drill längst Teil der Ausbildung insbesondere der Jugend und der Jungmannschaft, stets eng verzahnt mit nationalsozialistischer Ideologie. Deren Aktivitäten waren schon lange vor Kriegsbeginn wiederholt als „Marsch-“ oder „Wehrsportübungen“ tituliert worden. Der Alpenverein wurde zur Kaderschmiede für die Front, es ging um vormilitärische Ausbildung für den Dienst in der Gebirgstruppe.

 

Schließlich aber forderte der Krieg seinen Tribut. Im Frühjahr 1944 war eine hohe Zahl an Aktiven gefallen. Bei alliierten Luftangriffen auf die Stadt wurde auch die Geschäftsstelle der Sektion mit einem großen Teil der Vereinsakten zerstört. Vereinsführer Rudolf Seng, im Krieg Leiter einer Abteilung der Luftschutzpolizei, wurde 1945 unter ungeklärten Umständen erschossen, als die Alliierten nach Frankfurt einrückten.

 

Am 7. April 1946 traf sich die Sektion erstmals nach dem Krieg wieder zu einer Mitgliederversammlung, die Max Moritz Wirth leitete. Bemerkenswert ist vor allem Wirths Leugnung des „Arierparagraphen“: „Der Alpenverein ist ein unpolitischer Verein und duldet keinerlei, irgendwelche [sic] Politik in seinen Reihen (...). Wir haben auch die Rassengeschichte nicht mitgemacht. Weder haben wir dem Arierparagraphen seinerzeit zugestimmt, noch haben wir Mitglieder aus rassischen Gründen entfernt“, formulierte er in seiner Rede an die Mitglieder. In den neuen Vorstand wurden fast nur Männer gewählt, die bereits in der NS-Zeit Ämter innehatten. Eine Aufarbeitung der Kollaboration mit dem NS-Regime fand auch in den folgenden Jahrzehnten nicht statt.

 

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Autor*innen: das Spurensuche-Team der Sektion Frankfurt am Main des DAV. Wir freuen uns über Feedback und sind an Kooperationen mit anderen Vereinen und Institutionen sehr interessiert.

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Kontakt: spurensuche(at)dav-frankfurtmain.de

Die Frankfurter Sektion des „Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“ passte sich ab 1933 zügig der nationalsozialistischen Doktrin an. Schnell wurde eine linientreue Führung installiert und nach und nach immer strengere Fassungen des „Arierparagraphen“ in die Satzung übernommen. Für rund 120 Mitglieder, die als Jüdinnen oder Juden galten, dürfte sich das Klima massiv verschlechtert haben – belegt ist etwa der Ausschluss von Ernst Meissinger, Leiter der Studentischen Abteilung. Der Verein deutete die Jugendarbeit als vormilitärische Ausbildung für die Gebirgstruppe um. Propagandistisch feierten die Frankfurter Alpinisten den NS-Angriffskrieg mit Begeisterung.



Autor/in: DAV-Sektion Frankfurt am Main Spurensuche-Team
erstellt am 18.12.2022
 
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