Die Einrichtung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz

Das 1987 am Börneplatz neu gebaute Kundenzentrum der Frankfurter Stadtwerke, Fotografie 1999

Die am 16. Juni 1996 eingeweihte Gedenkstätte an der Rückseite des Kundenzentrums der Frankfurter Stadtwerke, Fotografie 1999

Namensblöcke an der Außenmauer des Alten Jüdischen Friedhofs, Fotografie 2003

Detail der Außenmauer des Alten Jüdischen Friedhofs, Fotografie 1999

Regennasser, durch den Neubau angeschnittener Grundriss der Börneplatz-Synagoge, Fotografie 1999

In die Gedenkstätte integrierte, aus dem Jahr 1946 stammende Erinnerungstafel an die Börneplatz-Synagoge, Fotografie 2003

Kubus aus Steinen der ehemaligen Judengasse, Fotografie 1999

Den Kubus bildende, z. T. inventarisierte Steine der ehemaligen Judengasse, Fotografie 1999

Straßenschilder an der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, Fotografie 1999

Die am 16. Juni 1996 eingeweihte Gedenkstätte betreibt die individuelle Erinnerung an die fast 12.000 im Holocaust ermordeten oder durch Freitod umgekommenen jüdischen Frankfurter. Sie verarbeitet zudem den vorangegangenen kulturpolitischen Konflikt um die Zukunft von Ruinen des mittelalterlichen jüdischen Ghettos, der zwischen der Frankfurter Stadtregierung und der Öffentlichkeit 1987 ausgetragen wurde.

 

Die „Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main“, so ihr vollständiger Titel, ging als Kompromiss aus dem so genannten Börneplatzkonflikt hervor. In der Frankfurter Öffentlichkeit war 1987 um die Zukunft von Fragmenten der Judengasse, dem über Jahrhunderte bestehenden Ghetto, gestritten worden.

 

Diese waren beim Bau des neuen Kundenzentrums der Stadtwerke, das direkt über den Grundmauern der im Novemberpogrom 1938 niedergebrannten Börneplatz-Synagoge erbaut worden war, zutage gekommen. „Notwendig“ wurde die Gedenkstätte, weil der Neubau von den Auftraggebern durchgesetzt werden konnte. Der Standort der Gedenkstätte ist folglich das vom historischen Börneplatz übrig gebliebene Grundstück an der Rückseite des Neubaus, dessen Name in „Neuer Börneplatz“ geändert wurde.

 

Das zentrale Element des fünfteiligen Ensembles der Architekten Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel stellt die Mauer dar, die den Alten Jüdischen Friedhof umschließt. An ihrer Außenseite sind in fünf parallel verlaufenden Reihen insgesamt 11.134 kleine Metallblöcke eingesetzt, die aus der Wand herausragen. Ein jeder Block repräsentiert einen Toten und nennt dessen Namen, die Lebensdaten sowie Geburtsort und Sterbeort. Der Betrachter mag Grabsteine assoziieren – hier als Erinnerungssteine für Menschen, denen kein Grab zugestanden wurde. Den Angehörigen ermöglichen die Blöcke die Ablage eines Steines im Gedenken an den Toten.

 

In der Gedenkstätte Neuer Börneplatz werden die toten jüdischen Frankfurter durch die einzelnen Namensblöcke individualisiert – im Gegensatz zu Mahnmalskonzepten mit auf Tafeln aufgereihten Opfernamen. Zusätzlich macht sie aber auch die bedrückende Menge der Toten anschaulich: Wenngleich der Betrachter keine Anzahl ermessen kann, so stellt doch der Anblick der auf die Gesamtlänge der Friedhofsmauer verteilten Blöcke eine klare Aussage dar.

 

Der Hinweis auf die ehemalige Börneplatz-Synagoge erfolgt durch eine Metallschiene am Boden, die den Grundriss des Gotteshauses nachzeichnet. Dieser macht sich deutlich bemerkbar, da der Bodenbelag innerhalb dieser Silhouette gefestigt ist. Folgt der Betrachter dem Verlauf der Schiene, bemerkt er, dass der Grundriss vom Kundenzentrum beschnitten wird. Auch dies rückt den Konflikt um die Ruinen am Börneplatz ins Bewusstsein des Betrachters: Deutlich wird, dass das Kundenzentrum über den Grundmauern der Synagoge steht, wobei auch hier freigelegte Fragmente weichen mussten. Verstärkt wird dieser Bezug durch die Verwendung einer zum Zeitpunkt des Konfliktes längst bestehenden Gedenktafel und ihre Platzierung. Solche Tafeln hatte die Alliierte Militärregierung am 20. März 1946 an den Stellen der im Novemberpogrom 1938 zerstörten Synagogen anbringen lassen. Die „Stellvertreterin“ für die Börneplatzsynagoge stand bis 1987 fälschlich neben dem Friedhofseingang. Die Architekten der Gedenkstätte hängten die Tafel demonstrativ an der Rückseite des Kundenzentrums über den Grundriss auf.

 

In der optischen Mitte des Platzes ruht ein Kubus, der sich aus einem Teil jener Steine zusammensetzt, die 1987 ausgehoben und nicht im Museum Judengasse erhalten wurden. Einige Steine weisen Nummerierungen auf und erinnern so an ihre wissenschaftliche Erfassung im Rahmen des Ausbaus. Der Kubus verweist damit deutlich auf den Konflikt um die Bebauung seines Standortes. Entgegen der sachlichen äußeren Form des Kubus liegen die Steine unbearbeitet, scheinbar locker übereinander. Die einzelnen Steine lagern in dem Kubus wie in einem Regal; die Architekten der Gedenkstätte suchten eine Form, die Assoziationen an ein Archiv weckt. In diesem Sinne kann der Betrachter interpretieren, ob die Steine selbst (als Reste des jüdischen Ghettos) oder aber der Konflikt um die Steine archiviert wurde.

 

Die Oberflächenstruktur, Farbe und Größe der Steine unterscheidet sich jeweils deutlich. Eine ähnliche Spannung von Ungeordnetem und Geordnetem wie im Kubus findet sich noch einmal: Die regelmäßige Anordnung der sechzig Platanen um den Kubus herum und ihre akkurat beschnittene Form stehen in klarem Gegensatz zu dem Wildwuchs auf dem benachbarten Alten Jüdischen Friedhof, den die Architekten als den inhaltlichen Mittelpunkt der Gedenkstätte verstehen. Die Platanen strukturieren den Platz einerseits; sie bilden aber andererseits ein Dach um den Kubus und schotten ihn ab – wie schon das Ghetto separiert war.

 

Am südlichen Ende des Platzes stehen, zur Gedenkstätte ausgerichtet, fünf Schilder, die herkömmlichen Straßenschildern nachempfunden sind. Jedes von ihnen gibt einen der Namen wieder, den der Börneplatz im Laufe seiner Geschichte getragen hatte. Die Beschilderung macht zwei Besonderheiten deutlich: Zum einen wird dem Betrachter klar, dass die Umbenennung des Börneplatzes in „Dominikanerplatz“ durch die Nationalsozialisten bis 1978 gültig blieb! Zum anderen klafft eine zeitliche Lücke zwischen der Beendigung des Börneplatzkonfliktes 1987 und der Einweihung der Gedenkstätte am 16. Juni 1996. Der lange Zeitraum, in dem der Börneplatz scheinbar keinen Namen trug, erklärt sich durch den Folgekonflikt – die Realisierung der Gedenkstätte. Hierfür waren zwei Gestaltungswettbewerbe notwendig, da sich die Jury nicht für einen Sieger entscheiden konnte; anschließend wurde die Festsetzung der Kosten für den folgenden Haushaltsplan „verpasst“; schließlich war die Finanzierung unsicher. In dieser Zeit blieb der Platz eine fast vergessene Baustelle.

 

 

Literatur::

Janine Burnicki, Steine der Erinnerung. Der Konflikt um den Frankfurter Börneplatz und die „Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main“, Magisterarbeit Frankfurt am Main 2000

Stadt Frankfurt am Main (Hg.), Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt, Red. Klaus Kemp, Sigmaringen 1996

Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt …“ Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945, Frankfurt am Main 2004

Fritz Backhaus, Der lange Weg zur Erinnerung - Gedenkorte in Frankfurt seit 1945, in: Raphael Gross/Felix Semmelroth (Hrsg.), Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945, Prestel, München/London/New York 2016, S. 210-224

Die am 16. Juni 1996 eingeweihte Gedenkstätte betreibt die individuelle Erinnerung an die fast 12.000 im Holocaust ermordeten oder durch Freitod umgekommenen jüdischen Frankfurter. Sie verarbeitet zudem den vorangegangenen kulturpolitischen Konflikt um die Zukunft von Ruinen des mittelalterlichen jüdischen Ghettos, der zwischen der Frankfurter Stadtregierung und der Öffentlichkeit 1987 ausgetragen wurde.



Autor/in: Janine Burnicki
erstellt am 01.01.2003
 

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