Dokument: Denkschrift des Wirtschaftsamts

In seiner Denkschrift von 1934 macht das Wirtschaftamt auf negative Folgen der antijüdischen Politik seit dem Machtantritt des NS-Regimes aufmerksam und verdeutlicht dabei mit einer Statistik den außerordentlich hohen Anteil der jüdischen Bevölkerung am Frankfurter Wirtschaftsleben.

Denkschrift des Wirtschaftsamtes, 17. 2. 1934.

 

A

 

Besondere Schwierigkeiten Frankfurts infolge der gegen Nichtarier getroffenen Maßnahmen.

 

In Frankfurt/M wirken sich die seit der Machtergreifung gegen die Nichtarier getroffenen Maßnahmen deswegen besonders stark aus, weil der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung Frankfurts weit stärker ist als im Reichsdurchschnitt, und weil darüber hinaus der Anteil der jüdischen Bevölkerung an dem Geschäftsleben der Stadt noch weit größer ist, als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Im Reichsdurchschnitt beträgt der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung 0,9%, in Frankfurt/M dagegen 6,3%. Von nach der Volkszählung 1925 für Frankfurt/M ermittelten 467 520 Einwohnern waren 29 385 Juden. Aus der Volks- und Berufszählung 1933 liegen die entsprechenden Zahlen noch nicht vor, jedoch ist anzunehmen, daß sich der Prozentsatz von 6,3% nicht nennenswert geändert hat.

Der Anteil der jüdischen Bevölkerung an dem bedeutendsten Teil des Geschäftslebens Frankfurts geht aus der folgenden Aufstellung hervor, die die im Handelsregister eingetragenen wichtigsten Wirtschaftszweige mit insgesamt 4955 Firmen umfaßt (siehe Anlage!).

Schon vorweg sei bemerkt, daß sich dieser Anteil der Nichtarier an dem bedeutendsten Teil des Frankfurter Geschäftslebens im Durchschnitt auf 35% stellt, obwohl der Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 6,3% beträgt.

Daß bei diesem großen Anteil von Nichtariern an dem Frankfurter Geschäftsleben der Frankfurter Platz unter den gegen die Juden getroffenen Maßnahmen besonders stark leiden muß, ist nur zu verständlich. Nach der Machtergreifung hat eine größere Anzahl vermögender Juden ihren Wohnsitz nach dem Auslande verlegt. Es handelt sich dabei z. T. um Geschäftsleute, die entweder ihr Geschäft ganz aufgegeben oder in andere Hände überführt haben, oder auch um Ärzte oder Rechtsanwälte, die wegen des Verbots der Anwalts- oder Kassenpraxis nach dem Auslande verzogen sind. Einen gewissen Anhalt über diesen Wegzug von Juden gaben uns Ermittlungen bei den hiesigen Finanzämtern auf Grund der Veranlagungen zur Reichsfluchtsteuer. Allerdings werden von dieser Steuer nur diejenigen Personen erfaßt, die ein Einkommen von mehr als 20.000 RM oder ein Vermögen von mehr als 200.000 RM haben. Die Steuer selbst beträgt 25% der Vermögenswerte. Es handelt sich bei dieser Steuer nicht etwa um eine Strafsteuer, sondern lediglich um einen Ausgleich für die zukünftigen Steuerausfälle, weil das Vermögen der in das Ausland Verzogenen zukünftig nur noch beschränkt der Einkommen- oder Körperschaftssteuer unterliegt. Das Vermögen selbst muß an sich im Inlande verbleiben, soweit nicht etwa durch besondere Genehmigungen der Devisenbewirtschaftungsstelle eine Überführung des Vermögens oder eines Teiles in das Ausland gestattet worden ist.

 

An Reichsfluchtsteuerfällen wurden in Frankfurt/M veranlagt:

 

   davon NichtarierGesamtvermögenswert1.beim Finanzamt Ost24 Fälle239,7 Mill. RM2.beim Finanzamt West10 Fälle103,6 Mill. RM3.beim Finanzamt Außenbezirk8 Fälle81,66 Mill. RM zusammen4241(!)14,96 Mill. RM








Beim Finanzamt Ost ist allein ein Fall mit einem Vermögenswert von über 5 Millionen RM, der eine Reichsfluchtsteuer von 1,3 Millionen RM zu entrichten hat. Dazu kommen die zahlreichen Fälle, in denen es sich um Personen handelt, die ein Vermögen bis zu 200.000 RM oder ein Einkommen bis zu 20.000 RM haben, die von der Reichsfluchtsteuer nicht erfaßt werden. Wenn auch das hier in Frage kommende Vermögen, abgesehen von den Vermögensteilen, deren Übertragung in das Ausland durch besondere Genehmigung der Devisenbewirtschaftungsstelle gestattet worden ist, im Inlande verbleiben muß, so ist doch zu bedenken, daß das bewegliche Vermögen jederzeit, wenn es nicht schon geschehen ist, von Frankfurt/M an irgend einen anderen deutschen Ort übertragen werden kann und die Erträgnisse des Vermögens überhaupt, insbesondere was die Steuererträgnisse angeht, in Zukunft erheblich geringer sein werden.

Inwieweit tatsächlich Vermögen von Frankfurt/M nach dem Auslande übertragen wurde, könnte nur die hiesige Devisenbewirtschaftungsstelle sagen. Wir haben auch mit dieser Fühlung genommen. Auf Rückfrage trägt jedoch das Landesfinanzamt Bedenken, die hier in Betracht kommenden Zahlen zu nennen. Es dürfte jedoch feststehen, daß es sich in den allermeisten Fällen, in denen eine Übertragung von Devisen in das Ausland aus persönlichen Gründen genehmigt wurde, um Nichtarier handelt, und daß die hier in Betracht kommenden Werte in die Millionen gehen. Es kommt hinzu, daß sicherlich neben der ordentlichen Übertragung von Vermögenswerten auf Grund von Genehmigungen durch die Devisenbewirtschaftungsstelle noch sehr viele unerlaubte Übertragungen stattgefunden haben dürften.

Soweit Nichtarier in Frankfurt verblieben sind, und das dürfte die übergroße Mehrzahl sein, hat ihre geschäftliche Betätigung infolge des Judenboykotts und der getroffenen behördlichen Maßnahmen wesentlich gelitten. Was die behördlichen Maßnahmen angeht, so sind wohl jüdische Geschäfte wieder als Bewerber für öffentliche Aufträge zugelassen; die Praxis dürfte jedoch dahin gehen, daß jüdische Geschäfte bei weitem nicht mehr in dem Umfange wie früher bei dieser Vergebung Berücksichtigung finden. Jüdische Geschäfte sind außerdem ausgeschlossen von der Zulassung als Verkaufsstellen zur Entgegennahme von Bedarfsdeckungsscheinen, und auch hier werden ständig Klagen laut, daß der darauf zurückzuführende Umsatzrückgang ein erheblicher sei. Der Treuhänder der Arbeit, mit dem wir uns in Verbindung gesetzt haben, stellt fest, daß gerade in letzterer Zeit sich die Anträge jüdischer Geschäfte auf Betriebseinschränkung oder sogar Betriebsstillegung häufen. Es wird vermutet, daß die jüdischen Geschäfte bisher mit derartigen Anträgen zurückgehalten haben, weil ihre Inhaber hieraus gewisse persönliche Nachteile befürchteten und sie deshalb lieber Personal weiterbeschäftigt haben, obwohl diese Weiterbeschäftigung auf die Dauer mit Rücksicht auf den Umsatzrückgang nicht vertretbar schien. An sich wäre gegen den Umsatzrückgang jüdischer Geschäfte vom Standpunkt der Allgemeinheit nichts einzuwenden, da anzunehmen ist, daß der dort festgestellte Umsatzrückgang den arischen Geschäften durch eine Umsatzerhöhung zugutekommt. Es muß jedoch beachtet werden, daß es sich bei dem Frankfurter Geschäftsleben nicht nur um die Tätigung von Käufen der eigentlichen Frankfurter Bevölkerung, sondern in sehr erheblichem Maße auch um auswärtige Aufträge handelt, insbesondere insoweit Großhandel und Industrie in Betracht kommen. Tatsächlich klagt der jüdische Frankfurter Großhandel darüber, daß das Geschäft nach außerhalb gerade unter der Boykottbewegung stark zurückgegangen sei.

 

An jüdischen Firmen sind bis jetzt u. a. in Frankfurt/M eingegangen bzw. stillgelegt

1. Flörsheim & Co., Kleiderfabrik, Scharnhorststr. 27, mit zuletzt 160 Arbeitnehmern

2. Standard-Licht GmbH, Mainzerlandstr. 372, mit zuletzt 37 Arbeitnehmern

3. Brot- und Keksfabrik Osthafen GmbH, Weißmüllerstr., mit zuletzt 220 Beschäftigten

Die Firma ist in Konkurs geraten und wird unter neuer Firma in eingeschränkter Weise mit einem Teil der früheren Arbeitnehmer weitergeführt.

 

Ihren Betrieb einzustellen beabsichtigen u. a. folgende Firmen:

1. Gebr. Trier, Eisenhandlung, Hanauerlandstr.

2. Rudolf Mosse, Anzeigenannahme, Zweigstelle Frankfurt/M

3. Seidenhaus Schott

4. David Bonn, Spitzen

5. D. Grödel, Kartonnagen

6. Warenhaus Hermann Wronker

Bei letzterem handelt es sich um insgesamt 480 Angestellte, die anderweitig im Einzelhandel untergebracht werden sollen. Die Betriebsstillegung droht hier in erster Linie wegen der nun schon seit Jahren anhaltenden trostlosen Lage des Unternehmens, ist also kaum auf die Boykottmaßnahmen zurückzuführen.

 

Bei dem Treuhänder der Arbeit sind in letzterer Zeit u. a. folgende jüdische Firmen mit Anträgen auf Betriebseinschränkung oder Betriebsstillegung vorstellig geworden:

1. Fa. Bamberger & Hertz, Zeil

Der Umsatz betrug 1932 noch 2,4 Millionen RM, 1933 1,8 Millionen RM, im Januar 1933 381.000 RM, im Januar 1934 213.000 RM.

2. Fa. Schade & Füllgrabe, Umsatzrückgang 1933 35%.

3. Fa. I. & C. A. Schneider (Adler & Neumann), Hausschuhfabrik

Starker Umsatzrückgang. Reisende melden, daß bisherige Kunden vielfach ablehnen, noch weiter mit der Firma zu arbeiten.

4. Fa. Weil, Marx & Co., Spitzen, Kaiserstr.

Von den bis jetzt beschäftigten 48 Angestellten sind zunächst 18 Leute abgebaut worden.

5. Max Braunthal, Damenkleidung. Umsätze sind stark zurückgegangen.

6. Frankfurter Asbestwerke. Starker Umsatzrückgang.

7. Collin & Co., Seidenwarengroßhandlung, Neue Mainzerstr.

Beschäftigt 50 Angestellte. Starker Umsatzrückgang.

8. I. Tauber, Damenhutgeschäft

Betriebsstillegung erwogen, weil sehr starker Umsatzrückgang.

9. S. Frank, Damenhutgeschäft, Zeil 121

Beschäftigt 51 Personen. Umsatz Januar 1934 nur noch etwas über 6.000 RM.

10. A. Gutheim, Tapeten, Roßmarkt

Beschäftigt 14–15 Angestellte. Umsatzrückgang weit über 30%. Betriebsstillegung in Aussicht.

11. Kaufhaus Schiff, Frankfurt/M-Höchst. Umsatzrückgang über 30%.

12. Schwarzschild-Ochs, Seidenwaren, Roßmarkt

Umsatzrückgang von früher 12 Millionen auf 4 Millionen RM.

13. Fuld & Co. und Tochtergesellschaften klagen ebenfalls über starken Umsatzrückgang. Betriebseinschränkungen wurden bis jetzt noch hinausgeschoben.

14. Zeltfabrik Gebr. Cassel will wegen schlechtem Geschäftsgang schließen.

 

Der Umsatz in Warenhäusern, die sich fast ausschließlich in jüdischen Händen befinden, ist nach Zeitungsmeldungen um durchschnittlich 22% zurückgegangen.

Auch das Geschäft jüdischer Banken, die in Frankfurt/M stärker als sonstwo vertreten sind, dürfte unter dem Judenboykott gelitten haben. Das Börsengeschäft hat dagegen nach unseren Feststellungen zugenommen und dürfte den jüdischen Firmen in gleicher Weise wie den nichtjüdischen zugute gekommen sein.

Die steuerliche Auswirkung der gegen die Nichtarier getroffenen Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Einkommen-, Körperschafts- und Gewerbesteuer ist im Augenblick noch nicht zu übersehen, wird jedoch im Laufe des Jahres 1934 festzustellen sein.

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Hauptakte 6600.

 

B

 

   davon NichtarierGesamtvermögenswert
1.beim Finanzamt Ost24 Fälle239,7 Mill. RM
2.beim Finanzamt West10 Fälle103,6 Mill. RM
3.beim Finanzamt Außenbezirk8 Fälle81,66 Mill. RM
 zusammen4241(!)14,96 Mill. RM
WirtschaftszweigGesamtzahlnichtarisch%
Drogen – Apotheken12211-
Kosmetische Präparate431432,6
Technische Öle und Fette1262822,2
Photographische Artikel30- -
Färbereien, Waschanstalten242-
Reinigungsanstalten5- -
    
Textil-Industrie und -Handel21617279,7
Garne 241250,0
Teppiche513364,7
Seilerwaren11545,5
Verbandsstoffe3- -
Lumpen – Knochen – Papier66100,0
Papier – Schreibwaren1374130,0
Kartonnagen17635,3
Tapeten195-
Zeitungsunternehmen9810-
    
Leder-Industrie383386,8
Häute – Felle1616100
Leder674871,6
Portefeuille623658,1
Linoleum – Wachstuche5--
Rohgummi103-
Gummiwaren429-
Asbest6233,3
Kammfabrikate251248,0
Holzwaren – Fässer468-
Möbel602033,3
Korbwaren31-
Korken125-
    
Getreide, Mühlen etc.1088074,1
Obst – Gemüse – Kartoffeln411229,3
Tierhaare – Bettfedern12975,0
Därme22731,8
Kohlen727-
Steinbrüche70-
Asphalt – Teerprodukte101-
Steinmetzbetriebe81-
Glas und Porzellanwaren5011-
Ziegelei – Häfnerei123-
    
Hüttenprodukte – Altmetall773241,6
Werkzeuge326-
Metallwaren7216-
Eisen – Stahlwaren – eiserne Möbel7810-
Haushaltsartikel19526,3
Kunst-, Bauschlosserei140-
Drahtgeflechte20735,0
Schriftgießerei – Galvanoplastik141-
Edelmetalle – Juwelen371437,8
Bijouterie – Luxuswaren402255,0
Gießereien113-
Maschinen – Apparate – Fahrzeuge18410-
Nähmaschinen181-
Fahrzeuge9415-
Beleuchtungskörper, elektrische Artikel947-
Radioartikel305-
Uhren – Wagen – Automaten7611-
Elektrische Anlagen – Kühlanlagen433-
Elektrische Reklame20-
Chemische Industrie – Chemikalien – Farben15928-
Chemisch pharmazeutische Präparate619-
Schnitz-, Rauchwaren9555,6
Sportartikel92-
Musik-, Sprechapparate16850,0
Spielwaren132-
    
Nahrungs-, Genußmittel   
Kolonialwaren – Delikatessen1854524,3
Bier – Mineralwasser273-
Konserven193-
Teig-, Fettwaren7819-
Molkerei-Produkte531732,1
Süßwaren4010-
Tabakwaren793645,6
Weine – Spirituosen16610060,2
    
Bekleidungsgewerbe   
Herren-Kleidung734054,8
Damen-Kleidung251664,0
Leibwäsche634571,4
Wirkwaren533362,3
Tülle – Spitzen211571,4
Hüte381436,8
Modewaren633250,8
Posamenterie – Kurzwaren744864,9
Schuhe814050,0
Schuhbedarfsartikel4250,0
    
Warenhäuser231774,0
    
Banken und Finanzierungsgeschäfte1457652,4
Wett-Lotterie4250,0
Verlagsgewerbe549-
Buchhandel5612-
Kunst-, Antiquitätenhandel341441,2
Musikalienhandel51-
Kunstgewerbe41-
    
Vertretungen – Patente1274434,7
Revisionen – Treuhand465-
    
Börsen-, Immobilienmakler10048 (nach der Umstellung)48,0
    
Exportgeschäfte331030,3
Grundstücksverwertung821923,2
Hausverwaltungen551832,7
Speditionen368-
Transportunternehmen484-
Kaffees – Restaurants417-
Baugewerbe, Holzhandel329-
Insgesamt:4955171334,57

 

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Hauptakte 6600.
Aus: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, S. 178ff.

In seiner Denkschrift von 1934 macht das Wirtschaftamt auf negative Folgen der antijüdischen Politik seit dem Machtantritt des NS-Regimes aufmerksam und verdeutlicht dabei mit einer Statistik den außerordentlich hohen Anteil der jüdischen Bevölkerung am Frankfurter Wirtschaftsleben.


erstellt am 01.01.2003
 

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