Das Zwangsarbeiterlager Froschhäuserstraße in Griesheim

Geschätzte 26 Millionen Zwangsarbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern wurden vom nationalsozialistischen Regime im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten eingesetzt. Für ihre Unterbringung bestanden ca. 30.000 Lager unterschiedlichen Umfangs. Eines der größten Lager in Frankfurt betrieb der Rüstungsbetrieb Adlerwerke auf der Froschhäuser Straße in Frankfurt Griesheim. Nahe der Mainzer Landstraße, neben der kleinen, abgeschiedenen Wohnsiedlung „Froschhausen“, einigen Schrebergärten und Ackerflächen wurde das Lager auf städtischen Grundstücken errichtet.

 

Auf einem erhaltenen Bauplan vom Juli 1942 sind 25 eingeschossige, in Tarnfarben gestrichene Holzbaracken unterschiedlicher Größen und für unterschiedliche Nutzungszwecke eingezeichnet. Diese Baracken aus Fertigholzteilen wurden auf im Boden eingelassenen, massiven Fundamenten aufgebaut. Eine Luftaufnahme vom 17.10.1943 bestätigt, dass wie geplant auch gebaut wurde. Das Lager bot für bis zu 2.000 Menschen Unterkunft. Die Bewachung übernahm der Werkschutz der Adlerwerke. Es verfügte über Splitterschutzgräben aus Beton, die nur einen sehr begrenzten Schutz bei Luftangriffen boten. Luftschutzbunker waren nicht vorhanden. Die Schornsteinfeger-Innung protestierte bei der Bauabnahme, dass die Heizöfen in den Baracken nicht mit gemauerten Schornsteinen versehen waren. Sie befürchteten eine erhöhte Vergiftungsgefahr durch Brandgase, doch wurden die Bedenken vom Bauherrn abgetan. Für die Beleuchtung in den Wohnbaracken nutzte man einfache Petroleumlampen, ein Stromanschluss wurde nicht verlegt. Einige, möglicherweise sogar alle Wohnbaracken waren durch Zwischenwände in Einzelräume unterteilt. Der Lagerinsasse Roger Echinard berichtete, dass seine Stube mit 8 Doppelstockbetten mit insgesamt 16 Franzosen und Spaniern belegt war.

 

Die korrekte Bezeichnung der Einrichtung muss Zwangsarbeiterlager lauten. Es handelte sich nicht um ein Arbeitslager, da auf der Froschhäuser Straße vorwiegend gewohnt, aber bis auf einige hauswirtschaftliche Tätigkeiten nicht gearbeitet wurde. Auch handelte es sich keinesfalls um ein Konzentrationslager, da hier keine KZ-Häftlinge untergebracht waren und das Lager nicht von der SS geführt wurde. Als Bauherr beauftragte die Reichsgruppe Industrie-Werkluftschutz den Baubevollmächtigten des Reichsministeriums Speer mit der Bauausführung. Den Architekten und die Finanzen stellten die Adlerwerke. Es ließ sich bisher nicht mit Sicherheit feststellen, wann die Bautätigkeit begonnen wurde. Auf dem Bauplan finden sich behördliche Genehmigungen aus Dezember 1942 und Januar 1943. Das Reichsministerium Speer meldete der Frankfurter Baupolizei am 3. März 1943 die Fertigstellung des Barackenlagers Froschhäuserstraße. Zum Lagerbau sollen 250 Leute der Organisation Todt eingesetzt worden sein. Schon in der Bauphase, als noch gar keine Waschbaracken standen, sollen etwa 800 „Ostarbeiter“ auf dem Gelände gelebt und auf dem blanken Boden geschlafen haben.

 

Das Lagergrundstück in Griesheim liegt ca. 4 km von den Adlerwerken im Gallus entfernt. In unmittelbarer Nähe befand sich eine Straßenbahnhaltestelle, von der aus Zwangsarbeiter, denen die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gestattet war, mit der Tram zur Arbeit und zurück fahren konnten. Zeitzeugen erinnern sich, dass die Lagerinsassen nach der Bombardierung und Zerstörung der Straßenbahnlinie an der Mainzer Landstraße ab März 1944 teilweise zu Fuß zur Arbeit liefen, teilweise auf LKW-Ladeflächen transportiert wurden. Zu Fuß benötigt man für den Weg ungefähr 35 bis 40 Minuten. Die Belegung des Lagers war international, es befanden sich sogenannte "Westarbeiter", "Ostarbeiter" und auch Kriegsgefangene vor Ort. Wie in vielen größeren Lagern üblich, waren die Arbeiter nach ihrer Herkunft getrennt untergebracht. Das gesamte Lager war mit einem 2,50 m hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Alle drei Zugänge lagen nebeneinander an der Froschhäuser Straße.

 

Gemäß einem Bericht der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) aus dem Oktober 1942 existierten in Frankfurt vor dem Bau des Lagers Froschhäuser Straße bereits 92 Zwangsarbeiterlager. In den Adlerwerken waren zu diesem Zeitpunkt ca. 190 "Westarbeiter" und 600 "Ostarbeiter" beschäftigt. Im April 1943, also kurz nach der Inbetriebnahme des Lagers Froschhäuserstraße, berichtete die DAF bereits von 143 Frankfurter Lagern sowie vom Einsatz von ca. 650 „Westarbeitern“ und 1.070 „Ostarbeitern“ bei den Adlerwerken. Die erhebliche Steigerung beruhte auf dem Beginn des “Totalen Krieges”, der Einberufung von zahlreichen deutschen Arbeitern zum Kriegsdienst und deren Ersatz durch Zwangsarbeiter.

 

Es ist bei einer Gesamtzahl von unter 2.000 Zwangsarbeitern der Adlerwerke, die zudem damals noch auf drei gleichzeitig existierende Lager im Gallus und in Griesheim aufgeteilt waren, davon auszugehen, dass das Lager in Griesheim zumindest nicht von Anfang an mit 2.000 Menschen voll belegt war. Ob je eine Vollbelegung bestand, konnte bisher noch nicht nachvollzogen werden. Aufgrund des streng rassistisch geprägten Menschenbilds des NS-Regimes wurde eine unterschiedliche Behandlung von Menschen aus vermeintlich existierenden unterschiedlichen Menschenrassen vorgeschrieben. Während “Westarbeiter” wie Franzosen, Spanier, Belgier und Italiener als den “germanischen” Deutschen artverwandte Menschen angesehen wurden und meist mehr Freiheiten zugesprochen bekamen, wurden “Ostarbeiter” erheblich stärker benachteiligt. Auf Basis der sogenannten "Polenerlasse" erhielten polnische Zwangsarbeiter zum Beispiel oft eine mangelhafte Ernährung und wurden bei unerlaubten Kontakten mit Deutschen mit Strafen bis hin zur Todesstrafe belegt. Noch einmal deutlich schlechter wurden Menschen aus der Sowjetunion behandelt, die man als “bolschewistische Untermenschen” ansah.

 

„Westarbeiter“ auf der Froschhäuser Straße

 

Die sogenannten "Westarbeiter", unter anderem aus Frankreich und Spanien, waren teilweise freiwillig und teilweise zwangsweise zum Arbeitseinsatz in Frankfurt. Sie verfügten über einen Pass, der sie zum jederzeitigen Betreten und Verlassen des Lagers berechtigte. Ihre wenige Freizeit konnten sie relativ frei gestalten. Gemäß den staatlichen Vorgaben bot man den Franzosen im Lager ein Unterhaltungsangebot wie eine gut bestückte Bibliothek mit französischen Büchern sowie Kulturveranstaltungen wie Konzerte und Theater. Auch war es ihnen erlaubt, Restaurants, Cafés und Geschäfte zu besuchen. Der Zeitzeuge Roger Echinard, der im Frühjahr 1943 als 21-jähriger zwangsweise im Lager Griesheim einquartiert wurde, berichtete, dass er sonntags gerne zum Gottesdienst in die katholische Kirche in Griesheim ging und auch willkommener Kunde der Griesheimer Cafés war, wo Deutsche allerdings separiert von Ausländern platziert wurden. Diese Ausflüge pflegte er so lange, bis seine Kleidung und Schuhe nicht mehr ansehnlich wirkten und er sein Äußeres nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen wollte. Eine neue Ausstattung konnte er während seiner fast 20 Monate bei den Adlerwerken nicht erhalten. „Ich kann Euch nicht sagen, dass es mir schlecht ging, neben all dem, was ich gesehen habe. Wirklich schlimm für mich war, dass wir keine Freiheit hatten, dass meine Familie nicht da war und so weiter, aber sonst…. Und natürlich war das Essen schlecht, aber nun gut, wir gewöhnten uns daran…. Mein Vater schrieb mir regelmäßig… Meine Tanten aus Montpellier schickten mir mehrmals Proviant.“

 

„Ostarbeiter“ im Griesheimer Lager

 

Auf Basis von Himmlers „Ostarbeitererlassen“ von 1942 durften „Ostarbeiter“ das Lager in der Regel nur beaufsichtigt und in Kolonne verlassen. Sie trugen einen Stoffaufnäher mit der Aufschrift "OST" sichtbar an ihrer Kleidung, damit sie von jedem sofort als „Ostländer“, die von „Ariern“ zu meiden waren, erkannt wurden. Ihre Freizeit mussten sie in der Enge des Lagers zubringen. Wie strikt diese Regelungen eingefordert wurde, zeigt die Erschießung des 21-jährigen ukrainischen Lagerbewohners Wassili Pawlenko am 25.04.1944 um 5:30 Uhr morgens. Er verließ in Begleitung einer 17-jährigen Freundin das Lager durch ein von Lagerbewohnern unerlaubt geschaffenes Loch im Zaun und lief mit ihr auf einem Feldweg in westliche Richtung. Nach nur 50 Metern traf ihn der Schuss eines Wachmanns in die Brust und er starb nach kurzer Zeit.

 

Ein bedeutender Prozentsatz der Zwangsarbeiter aus der Ukraine war minderjährig. Den Jugendlichen und jungen Erwachsenen standen fast keine Freizeitangebote zur Verfügung. Sie wurden über die im Lager befindliche „Russenküche“ mangelhaft ernährt. Während Schwangerschaftsabbrüche für „arische“ Frauen untersagt waren, versuchte man, schwangere „Ostarbeiterinnen“ zur Abtreibung zu bewegen. Stimmten sie dem nicht zu, wurde ihnen nur eine äußerst kurze Arbeitsunterbrechung vor und nach der Geburt zugebilligt. Anscheinend sind die meisten jungen Mütter nur wenige Tage bis 3 Wochen nach der Geburt wieder in das normale Arbeitsschichtsystem integriert worden. Im Frühjahr oder Sommer 1943 wurde für die als “schlechtrassig” angesehenen ukrainischen Kinder eine „Ausländerkinder-Pflegestätte” im Lager Froschhäuserstraße eröffnet, in die die jungen Mütter ihre Kinder abzugeben hatten. Dort wurden die Kinder von ausländischem Personal betreut. Im Allgemeinen wurde in zahlreichen solcher „Pflegestätten“ das Ziel verfolgt, möglichst viele der Kinder sterben zu lassen. Zumindest wurde der Tod billigend in Kauf genommen. Laut Kaiser und Knorn wurden mindestens 19 Kinder von “Ostarbeiterinnen” im Lager Froschhäuser Straße entbunden, davon starben nachweisbar mindestens sechs Kinder, alle jünger als sieben Monate. Als Todesursachen wurde auf den Totenscheinen beispielsweise Lungenentzündung, Keuchhusten und Kreislaufschwäche angegeben. Erkrankungen, die von den elenden Lebensumständen und jämmerlicher Ernährung zeugen.

 

Teilzerstörung durch alliierte Bombenangriffe

 

Bei den Großangriffen auf Frankfurt am 18. und 22. März 1944 wurde die Mehrheit der Lagerbaracken durch Bomben und Brände völlig zerstört. Mehrere Zwangsarbeiter verloren während der Angriffe ihr Leben, zahlreiche wurden teils lebensgefährlich verletzt. Im Sterberegister wurden diese Todesfälle mit “durch Feindeinwirkung gefallen” kommentiert. Die Belegung des Lagers wurde im September 1944 mit 1.000 Personen angegeben. Diese mussten sich 6 verbliebene Baracken und ein großes Zelt teilen. Die Bewohner campierten auf dem nackten Boden oder teilten sich zu dritt ein Bett. Oberwachleiter: “Nach einem Märzangriff war das Lager Griesheim vollständig zerschlagen, die Leute hatten keine Lust mehr zu arbeiten.” Also wurden sie mit Latten zur Arbeit getrieben. Eine Lagerküche konnte provisorisch aufrechterhalten werden und versorgte zeitweise auch die KZ-Häftlinge in den Adlerwerken.

 

In dieser Zeit besuchte Frau Dr. Hellriegel als Betriebs- und Vertrauensärztin der Adlerwerke das Lager in Griesheim jeden Tag frühmorgens für rund 90 Minuten. Da die Arztbaracke zerstört war, konnte sie erkrankten Arbeitern bloß Medizin verschreiben und ihnen Bettruhe verordnen. Ihr waren für die “Ostarbeiterinnen” eine russische Ärztin, für die “Ostarbeiter” ein lettischer Arzt zur Seite gestellt. Sie beurteilte den Gesundheitszustand der zivilen Zwangsarbeiter während ihrer Tätigkeit, “gemessen an den sehr armseligen hygienischen Verhältnissen” als “erstaunlich gut”. Als amerikanische Bodentruppen in Griesheim Ende März 1945 einmarschierten, fanden sie nach eigenen Angaben Kriegsgefangene im Lager vor. Ende 1945 wurde das Barackenlager abgerissen und geriet in Vergessenheit.

 

Quellen

 

ISG W1-14 83 Aufsichtsratsprotokolle der Adlerwerke

ISG Magistratsakten 3.811 S. 146 und S. 163 Bericht über den Luftangriff vom 29.12.1944

ISG Fürsorgeamt Signatur 1.092 Pachtvertrag zwischen Domänenverwaltung Land Preußen und Adlerwerke: Grundstück für Barackenlager

ISG STA 6/84 S.168 Tod eines französischen Zwangsarbeiters im Lager. Durch "Feindeinwirkung"

ISG STA 6/84 S. 277 Tod eines ukrainischen Zwangsarbeiters Wassili Pawlenko durch Kopfschuss (laut Akte der Staatsanwaltschaft Frankfurt im HHStAW war es ein Brustschuss durch einen Wachmann des Werkschutzes der Adlerwerke)

ISG Bauaufsicht Signatur 27.072 Meldung an die Frankfurter Baupolizei: Barackenlager Froschhäuser Straße ist fertiggestellt. 03.03.1943. Mit Bauplan samt rot eingezeichneten Vermerken, welche Baracken durch Luftangriffe zerstört wurden.

 

Archiv Arolsen. 2.2.0.2./82385441 ff: Lagerordnung des Lagers für ausländische Arbeiter Adlerwerke

Archiv Arolsen: Diverse Krankenhausakten zu Behandlungen von Bewohnern des Lagers der Adlerwerke auf der Froschhäuser Straße

 

HHStAW. "Akte der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Frankfurt am Main. Handakte zu der Strafsache gegen Pawlenko Wassili wegen Leichensache." Diese Akte steht noch unter Verschluss und ist nicht auf Arcinsys auffindbar. Sie enthält Zeugenaussagen und einen Polizeibericht i.B. auf die Erschießung des ukrainischen Zwangsarbeiters Wassili Pawlenko durch einen Wachmann des Werkschutz der Adlerwerke.

HHStAW. Unter Verschluss stehende Akte: Übersicht der DAF zu Zwangsarbeiterlagern in Frankfurt, 1942/43

HHStAW. Unter Verschluss stehende Akten: Vormundschaftsakten mit Todesanzeigen zu im Lager Froschhäuser Straße geborenen Kindern ukrainischer Zwangsarbeiterinnen

HHStAW. Unter Verschluss stehende Akten: Diverse Spruchgerichtakten ("Entnazifizierung") zu ehem. Mitarbeitern der Adlerwerke

 

Literatur

 

Ernst Kaiser/Michael Knorn, Wir lebten und schliefen zwischen den Toten, Frankfurt am Main/New York 1998

Joachim Rotberg/ Barbara Wieland, Zwangsarbeit für die Kirche, Mainz 2014, Seite 592-597



Autor/in: Sascha Mahl
erstellt am 08.07.2023
 

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