Das Historische Museum im Dritten Reich

Die „Betriebsgemeinschaft“ Stadtgeschichtliches Museum (SM) und Museum für Kunsthandwerk (MfK), 1934. Stehend v.l.n.r.: Restaurator Froeber (MfK), Bibliothekar Riese (SM), Hausverwalter Strube (Goldene Waage, Dependance des SM), Heilmann, Hauser (vermutlich MfK). Sitzend v.l.n.r.: Fotograf Kleemann, Restaurator Burger, Kustos Schönberger (alle SM), Kustos Emmerling, Bock, Restaurator Wagner, Kustodin v. Lieres (alle MfK), Kustos Bingemer, Kustos Woelcke, Zeichner Gloyr, Restaurator Wendel (alle SM), Restaurator Teuteberg (MfK), Huth und Herd (SM). Verwaltungsinspektor Lorenz, Direktor Feulner.

Guido Schönberger (1891-1974)

Vitrine mit einer Reproduktion der Reichskrone im Römer, um 1935

Die 1934 erfolgte Umbenennung des Historischen Museums in „Stadtgeschichtliches Museum“ war Ausdruck einer inhaltlichen Neuausrichtung hin zu einer Stätte der „heimatlichen Kultur und deutschen Geistes“. Wechselausstellungen widmeten sich nach 1933 vermehrt lokalgeschichtlichen Themen. Die 1925 dem Museum vermachte Kunstsammlung des jüdischen Mäzens Julius Heyman wurde aufgelöst, der Kustos Guido Schönberger aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen. Im März 1944 sank das im Leinwandhaus untergebrachte Museum bei den schweren Luftangriffen in Trümmer, der Großteil der Sammlungen war zuvor ausgelagert worden.
 

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die von ihnen propagierte Kulturpolitik haben auch beim Historischen Museum deutliche Spuren hinterlassen. Diese Auswirkungen zeigten sich im personellen Bereich wie in einer veränderten Sammlungs- und Ausstellungspolitik. Veränderungen im personellen Bereich erfolgten auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, mit dem es den Nationalsozialisten möglich war, aus rassischen oder politischen Gründen Beamte und Angestellte zu entlassen. Der einzige beim Historischen Museum von diesem Gesetz betroffene wissenschaftliche Beamte war Guido Schönberger. Seit 1928 als Kustos beim Museum tätig, wurde er im März 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen. Die Kündigung musste jedoch schon bald zurückgenommen werden, da er als Kriegsteilnehmer unter den sogenannten „Frontkämpferparagrafen“ fiel, der Ausnahmeregelungen für Veteranen vorsah. Nach Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ 1935 wurden auch solche Ausnahmen obsolet und Schönberger endgültig entlassen. Kurzzeitig sogar im Konzentrationslager Buchenwald interniert (1938), blieb ihm ein schlimmeres Schicksal durch Auswanderung in die USA erspart. Die anderen wissenschaftlichen Beamten waren vom „Berufsbeamtengesetz“ nicht betroffen, bei den weiteren Besetzungen von Kustoden- oder Direktorenstellen konnten Beeinflussungen durch Partei oder Parteibuch nicht festgestellt werden.
 

Die nach außen am deutlichsten sichtbare Ebene einer neuen Ausrichtung war die Umbenennung des Historischen Museums in „Stadtgeschichtliches Museum“, die im "Städtischen Anzeigenblatt" vom 15. Juni 1934 bekannt gemacht wurde. Zur Begründung hieß es dort, ausschlaggebend sei „nicht allein die Absicht einer Verdeutschung“ gewesen, vielmehr der Wunsch, „dem Museum eine Bezeichnung zu geben, durch welche es als das geschichtliche Museum der Stadt und der ganzen Kulturlandschaft gekennzeichnet ist. […] Die Arbeit des Stadtgeschichtlichen Museums hat die Vorzugsaufgabe zu erfüllen, die Heimatliebe ebenso zu stärken wie den Sinn für die Pflege heimatlicher Kultur und deutschen Geistes. […] In Erkenntnis der Bedeutung der heimatlichen Geschichtspflege soll nach Maßgabe des Möglichen dem Stadtgeschichtlichen Museum nun seine Stellung wiedergegeben werden und ihm zunächst die besondere Ausgestaltung eines Heimatmuseums ermöglicht werden.“1
 

Die Umbenennung wie auch die in der offiziellen Verlautbarung formulierte „Stärkung der Heimatliebe“ und „Pflege und Förderung heimatlicher Kultur“ waren keineswegs nur kosmetische Eingriffe. Die inhaltliche Ausrichtung hin zu einem Heimat- oder stadtgeschichtlichen Museum zeigte sich vor allem in einem veränderten Ausstellungsprofil. Neben mehrfachen Um- und Neuaufstellungen im Museum gab es konkrete Pläne zum Aufbau einer volkskundlichen Abteilung durch den Kustos Heinrich Bingemer, die sicherlich auch durch den Bedeutungsgewinn der Volks- und Heimatkunde im Nationalsozialismus begünstigt wurden. Zudem hatte Museumsdirektor Adolf Feulner schon jahrelang vorhandene Umzugspläne des Stadtgeschichtlichen Museums vom Leinwandhaus am Weckmarkt in das umfangreich zu modernisierende Karmeliterkloster weiter konkretisiert. Damit sollte Frankfurt nicht nur „um eine monumentale Neuschöpfung"2  bereichert werden, Feulner wollte sein Museum hierdurch als „das Heimatmuseum der weiteren Umgebung und des ganzen Gaues“3 etablieren. Als besonderer Punkt seiner Konzeption schwebte ihm die Rückkehr der Krönungsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach Frankfurt vor, welche sein Museum „zu einem der künstlerischen Mittelpunkte in Deutschland“ gemacht hätten. Diese Pläne wurden letztlich nicht realisiert. Immerhin wurde das bestehende Gebäude am Weckmarkt einer Modernisierung unterzogen.4
 

Neben der Neugestaltung der Ausstellungsräume fällt eine Zunahme von Wechselausstellungen auf, die sich vermehrt lokalen Themen widmeten. Diese lagen dem nationalsozialistischen Geist näher und thematisierten vor allem Militärisches, Landschaftsidyllen, Fragen der Frankfurter Geschichte oder aktuelle Ereignisse. Beispiele für solche Ausstellungen waren 1933/34 „Gaststätten und Erholungsorte in Frankfurt und Umgebung“, „Ansichten von Frankfurt und Umgebung“, „Der Frankfurter Adler“, „Frankfurt im Anfang des Weltkrieges – den Frankfurter Gefallenen zum Gedächtnis“. 1936 zeigte man anlässlich des Reichshandwerkertages die Ausstellung „Ehrenhalle des Frankfurter Handwerks“.
 

Konnte sich das Stadtgeschichtliche Museum zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft noch in einem gewissen Spielraum bewegen, wurde die Museumsleitung, gewollt oder ungewollt, immer stärker Teil und Akteur nationalsozialistischer Kulturpolitik. Beispielhaft sei die Auflösung der Heyman-Sammlung genannt. Julius Heyman, einer der vielen Frankfurter Mäzene und Kunstsammler jüdischer Herkunft, hatte der Stadt Frankfurt 1925 unter Auflagen testamentarisch seine bedeutende Sammlung vermacht. Zu den Bedingungen gehörte die Umbenennung der Palmstraße, wo sein Wohnhaus stand, in Julius-Heyman-Straße und das unveränderte Zusammenbleiben der Sammlung für wenigstens 100 Jahre. Die Stadt hatte die Bedingungen angenommen, doch schon 1931 versuchte der damalige Generaldirektor der städtischen Museen, Georg Swarzenski, mit Hinweis auf den schlechten Besuch und die ungünstige Verkehrslage des Hauses die Sammlung aufzulösen und die Verteilung auf andere Museen zu erreichen. Hatte der damalige Stadtrat Max Michel, wenn auch bedauernd, entgegnet, das Testament verbiete „leider eine Aufteilung der Sammlungsgegenstände“5 , wurden die Schritte der Stadt nach 1933 mit der wachsenden Entrechtung der Juden immer skrupelloser. Seit Sommer 1938 wurde konkret auf eine Sammlungsauflösung hingearbeitet und dabei gleich mehrfach gegen das Testament verstoßen. Nicht nur wurde die Sammlung auseinandergerissen und auf die anderen Museen verteilt, auch wurde das lebenslange Wohnrecht von Heymans Adoptivtochter Maria im Wohnhaus, ebenfalls testamentarisch verankert, aufgekündigt. Bei den, wie man es damals verharmlosend nannte, „unverbindlichen Gesprächen“ mit Maria Heyman-Wagner kam es sicherlich gelegen, dass einer der beiden Testamentsvollstrecker der jeweilige Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums war, in diesem Fall Ernstotto Solms-Laubach (seit 1938 Feulners Nachfolger). Der zweite Testamentsvollstrecker, Justizrat Friedrich Schmidt-Knatz, hatte einen jüdischen Kollegen ersetzt, der ins Ausland geflohen war. So profitierte das Stadtgeschichtliche Museum zweifach: einmal durch die Übernahme von wertvollen Kunstwerken und zum anderen durch den Verkauf nicht benötigter Gegenstände, deren Erlöse dem eigenen Ankaufsetat zugute kamen.
 

Nach solch „positiven“ Bestandserweiterungen brachten die Kriegsjahre erhebliche Einschränkungen mit sich. Neben den allgemeinen Beschränkungen durch die Kriegsverwaltung wirkten sich vor allem Einberufungen des Personals zur Wehrmacht aus. Direktor Ernstotto Solms-Laubach betätigte sich dabei an prominenter Stelle. Er war bei der Heeresgruppe Nord in Russland als sogenannter „Kunstschutzoffizier“ unter anderem an Bergung und Abtransport des berühmten Bernsteinzimmers aus dem Zarenpalast Zarskoje Selo beteiligt. Während der Abwesenheit von Solms-Laubach fiel den Kustoden Heinrich Bingemer und Albert Rapp die Aufgabe zu, spätestens ab 1942 die umfangreichen Museumsbestände durch Auslagerungen vor Kriegseinwirkungen in Sicherheit zu bringen. Die Minimierung der Kriegsverluste wurde durch eine möglichst große Anzahl von Auslagerungsorten sichergestellt, bedeutete aber für das Museumspersonal erheblichen Aufwand, mussten die ausgelagerten Bestände doch regelmäßig bei Inspektionsfahrten auf ihren Zustand überprüft werden. 1945 wurde das Stadtgeschichtliche Museum wieder in Historisches Museum rückbenannt. Der vormalige Kustos Albert Rapp übernahm als Direktor dessen Leitung. Er war niemals Mitglied der NSDAP gewesen. Sein Vorgänger Solms-Laubach und sein Kollege Heinrich Bingemer mussten sich vor Entnazifizierungsgerichten zwar verantworten, konnten aber bald wieder in den Dienst der Stadt zurückkehren. Bingemer schon 1947, er wurde 1951 Direktor des Historischen Museums, Solms-Laubach übernahm 1948 die Leitung des Museums für Kunsthandwerk.

 

Anmerkungen

 

1 Städtisches Anzeigenblatt vom 15. Juni 1934, ISG, Magistratsakten 2.361, f. 12.

2 Feulner an Kulturamt, 16. Juli 1934, ebd., f. 24.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Schreiben Michels an Oberbürgermeister Landmann, 15. April 1931, ISG, Magistratsakten 8.079.

 

Literatur

 

Sebastian Farnung, Kulturpolitik im Dritten Reich am Beispiel Frankfurter Museen, hrsg. von Evelyn Brockhoff, Frankfurt a. M. 2016 (Studien zur Frankfurter Geschichte, Bd. 63)

Jürgen Steen, Zwischen bürgerlicher Tradition und weltanschaulicher Integration. Zur Geschichte des Historischen Museums Frankfurt am Main im 3. Reich, aus: Die Zukunft beginnt in der Vergangenheit. Museumsgeschichte und Geschichtsmuseum, Frankfurt am Main 1982, S. 274-308 (Schriften des Historischen Museums Frankfurt/M. XIII)

 

Die 1934 erfolgte Umbenennung des Historischen Museums in „Stadtgeschichtliches Museum“ war Ausdruck einer inhaltlichen Neuausrichtung hin zu einer Stätte der „heimatlichen Kultur und deutschen Geistes“. Wechselausstellungen widmeten sich nach 1933 vermehrt lokalgeschichtlichen Themen. Die 1925 dem Museum vermachte Kunstsammlung des jüdischen Mäzens Julius Heyman wurde aufgelöst, der Kustos Guido Schönberger aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen. Im März 1944 sank das im Leinwandhaus untergebrachte Museum bei den schweren Luftangriffen in Trümmer, der Großteil der Sammlungen war zuvor ausgelagert worden.



Autor/in: Sebastian Farnung
 

Verwandte Personen

Graf zu Solms-Laubach, Ernstotto


Michel, Max


Schmidt-Knatz, Friedrich


Swarzenski, Georg

Verwandte Begriffe

Auslagerung


Entnazifizierung


Frontkämpferparagraf


Nürnberger Gesetze

Verwandte Orte

Buchenwald


Karmeliterkloster


Leinwandhaus

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