„Im Wettlauf mit dem Tode!“ - Das Fluchtwegesystem unter der Altstadt

Fluchtwegenetz unter der Altstadt (rote und blaue Linien), Bauamt Oktober 1942.

Hauptausgang des Fluchtwegenetzes unter der Altstadt auf dem Samstagsberg, Fotografie von Max Göllner, Frühjahr 1944.

In der Frankfurter Altstadt konnte durch ein Flächenbombardement jederzeit ein "Feuersturm" entfacht werden. Indem das Bauamt die Mauerdurchbrüche in den Altstadtkellern zu einem unterirdischen Fluchtwegenetz verknüpfte, rettete es tausenden Bewohnern das Leben.

Das britische "Bomber Command" stellte im Februar 1942 eine Liste mit 58 deutschen Großstädten zusammen, die nach der neuen, Flächenbombardements vorsehenden, "Direktive 22" anzugreifen waren. Der Name der Stadt Frankfurt stand auch auf der Liste. Der erste Angriff, der nach der "area bombing"-Strategie geflogen wurde, traf die Hansestadt Lübeck. In der Nacht zum Palmsonntag setzten am 28./29. März 1942 rund 230 Bomber der Royal Air Force die Lübecker Altstadt in Brand, woraufhin sich ein verheerender "Feuersturm" entwickelte. In der Folgezeit eskalierte der Bombenkrieg.

Das Schicksal der Lübecker Altstadt gab den Frankfurter Luftschutzstellen zu denken. Durch ein Flächenbombardement konnte schließlich auch in den mit Fachwerkhäusern eng bebauten und verwinkelten Gassen der Frankfurter Altstadt jederzeit ein Feuersturm herbeigeführt werden. Altstadtbewohnern drohte, wenn sie ihre nicht mehr sicheren Luftschutzkeller verlassen mussten, auf der Flucht durch die brennenden Straßen ein grausamer Erstickungstod.

Das Frankfurter Bauamt verknüpfte daher die gesetzlich angeordneten Mauerdurchbrüche in der Altstadt zu einem zusammenhängenden Netz unterirdischer Fluchtwege. "Um die Möglichkeit, aus den Luftschutzräumen in das Freie zu gelangen, weiter zu erhöhen und um eine Hilfeleistung von außen oder von Haus zu Haus zu erleichtern"1, hatte der Oberbefehlshaber der Luftwaffe am 12. März 1940 in einer Ausführungsbestimmung zum Luftschutzgesetz zwischen aneinandergrenzenden Gebäuden die Herstellung von ein Meter hohen und 75 Zentimeter breiten Mauerdurchbrüchen angeordnet. Anschließend waren die Öffnungen mit einer dünnen Ziegelsteinmauer wieder zu verschließen und Werkzeug bereitzustellen, mit dem im Notfall die Trennwände ohne großen Kraftaufwand durchbrochen werden konnten.

Als "Leiter des Behelfsmäßigen Luftschutzbaues" hatte 1942 Baurat Theo Derlam maßgeblichen Anteil an der Entstehung des Fluchtwegesystems unter der Altstadt. "Wir haben daher in Frankfurt", schreibt Derlam in seinen Lebenserinnerungen, "im Wettlauf mit dem Tode! - noch rechtzeitig genug dafür sorgen können, dass diese Rettungswege unter einem brennenden Alt-Frankfurt, unterirdisch, angelegt waren und in Notausgängen mündeten, die auf Plätzen und breiten Strassen ausserhalb der gröbsten Gefahrenzone angelegt waren. Die verhältnismässig bombensicheren (gotischen) Steinkeller der Altstadt waren in den einzelnen Gevierten der Altstadt durch hunderte von Brandmauerdurchbrüchen (und viele Kletterschächte bei unterschiedlichem Niveau) zu ringförmig geschlossenen Fluchtwegen miteinander verbunden. Diese unterirdischen Fluchtwege waren durch nicht weniger als 82 (!) Strassentunnels untereinander verbunden. Auf diese Weise war es den in den Kellern geretteten Altstadtbewohnern möglich, sich unter dem Feuermeer der brennenden Stadt doch noch - heil - zu den brandfreien Notausgängen auf dem Römerberg und am Mainkai durchzuwinden."2

In den Brandnächten bildete die Feuerwehr für die von dem zentralen Notausgang auf dem Samstagberg Richtung Mainkai flüchtenden Altstadtbewohner an dem Engpass am Fahrtor eine vor den Flammen und der Hitze schützende Wassergasse. Tausende Bewohner der Altstadt verdankten dem unterirdischen Fluchtwegesystem ihr Leben.

Anmerkungen:
1 Zweite Ausführungsbestimmungen zum § 1 der Neunten Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz (Bestimmungen über Mauerdurchbrüche in bestehenden, unmittelbar benachbarten Gebäuden), vom 12. März 1940, Reichsgesetzblatt Teil I, Nr. 45 vom 14. März 1940, S. 486.
2 Theo Derlam, Aus dem Leben des letzten Frankfurter Altstadt-Baumeisters, Frankfurt a. M. o. J., S. 129 f., ISG S 5/242.

Literatur:
Bauer, Thomas, "Terror in Quelle Siegfried 5" - Luftschutz und Luftkrieg in Frankfurt am Main 1933-1945, in: HEIMAT/FRONT. Frankfurt am Main im Luftkrieg, hrsg. von Michael Fleiter, Frankfurt a. M. 2013, S. 26-47



Autor/in: Thomas Bauer
erstellt am 28.08.2019
 

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