1933 „Pimpf“, 1945 „Heldentod“: ein Jungenleben unterm Hakenkreuz

Porträt der Familie, Aufnahme im Fotoatelier Fritz Hoffmann & Co. Frankfurt am Main 1927

Die Krawattennadel mit seitenverkehrtem Hakenkreuz auf dem Familienporträt 1927 (Ausschnittsvergrößerung)

Walter im Matrosenanzug auf einer Aufnahme des Fotoautomaten im Hauptbahnhof 1928

Walter posiert mit dem zum Weihnachtsfest 1928 geschenkten Spielzeuggewehr, zeitgenössische Fotografie

Im Paddelboot U 9 auf dem Main, 1930, zeitgenössische Fotografie

Walter im Matrosenanzug am ersten Schultag am 6. April 1932, zeitgenössische Fotografie

Walter als Pimpf in kompletter Uniform, Aufnahme im Fotoatelier Fritz Hoffmann & Co. Frankfurt am Main Herbst 1933

Porträt der Familie, Aufnahme im Fotoatelier Fritz Hoffmann & Co. Frankfurt am Main August 1936

Walters Jungzug tritt 1939 zum Abschluss der Jungvolkzeit zur Hessen-Nassau-Fahrt an, zeitgenössische Fotografie

Walter in der Uniform der Reiter-HJ, Sommer 1940, zeitgenössische Fotografie

Walter beim Dienst in der Reiter-HJ, Sommer 1940, zeitgenössische Fotografie

Walters Geheimschrift

Seiten aus Walters Notizbuch für das Jahr 1940, auf der er in Geheimschrift eine Art Statistik mit den Namen der Mädchen aufstellt, die er 1940 wie oft geküsst hat

Seiten aus Walters Notizbuch für das Jahr 1942, in Klarschrift sind Reiten und Cafébesuche notiert, die Notizen in Geheimschrift beziehen sich auf die Freundin, auf Paddeln auf dem Main und Musikhören

Paddeln mit einer Freundin auf dem Main 1942, zeitgenössische Fotografie

Walter auf der Rennbahn in Frankfurt am Main-Niederrad 1942, zeitgenössische Fotografie

Walter auf der Rennbahn in Frankfurt am Main-Niederrad 1942, zeitgenössische Fotografie

Walter als Soldat 1944, zeitgenössische Fotografie

„Neben der Pakstellung ist ein Verbindungsgraben. In den kamen die Russen am 16.1. bis an die Pakstellung. Durch Ariunterstützung gelang es die Russen daraus zu vertreiben. Nebenan stehen einige Bäume. Dort war am 16.1. die 3. Kompanie eingesetzt (...) Es ist möglich, daß Ihr Sohn dort gefallen ist.“, handschriftliche, dem Vater Walter Schreibers am 15. Januar 1953 übersandte Skizze der Gefechtssituation am 16. Januar 1945

Das nachträglich colorierte familiäre Erinnerungsbild Walters, geschmückt mit der Ordensschnalle zum Eisernen Kreuz II. Klasse, Fotografie 1941

Die Lebensgeschichte Walter Schreibers ist in doppelter Weise vom Wunsch des Vaters nach einer nationalsozialistischen Lebenskarriere des Sohnes geprägt. Einerseits Anpassung an väterliche Autorität und die Erwartungen des NS-Systems, andererseits ein selbstbestimmtes, sorgfältig abgeschirmtes Leben, in dem das wichtig war, was den Jugendlichen interessierte.

Auf dem an Walters erstem Geburtstag, dem 9. März 1927, entstandenen Familienfoto hält der Vater den Sohn, der gerade dabei ist, das Laufen zu lernen. Das ist untypisch für Familienfotografien. Kinder sind immer der Mutter zugeordnet. Die Mutter hat den Familienhund, genannt Niki auf dem Schoß. In der Ausschnittvergrößerung wird erkennbar, dass der Vater einen Hakenkreuzanstecker an der Krawatte trägt. Die Nadel ist für 100 Mark, zeitgenössisch keine kleine Summe, von einem Goldschmied angefertigt worden. Die Seitenverkehrung des Hakenkreuzes ist kein Irrtum des Goldschmieds.
Walters Vater war 1922/23, bis zu ihrem Verbot, Mitglied der Hitlerpartei. Dann wurde er Angestellter bei der Stadtverwaltung. Er ist der 1925 neu gegründeten Frankfurter Ortsgruppe der NSDAP nicht beigetreten. Er möchte verbeamtet werden. Das seitenverkehrte Hakenkreuz ist nicht das Abzeichen der NSDAP. Bekenntnis ja, negative Folgen für die berufliche Karriere nein.

Der Matrosenanzug, den Walter von kleinauf trägt, ist ebenfalls Bekenntnis. Er ist als Kinderkleidung im nationalen Lager weit verbreitet. Zur Wehrhaftmachung von Kindesbeinen an gehört das Spielzeuggewehr. Das Paddelboot, das der Vater 1930 erwirbt, erhält den Namen „U 9“. „U 9“ war die Bezeichnung eines deutschen Unterseebootes im Ersten Weltkrieg, das auf einer Feindfahrt drei englische Kreuzer torpedierte und versenkte. Das Mützenband des Matrosenanzuges, den Walter Ostern 1932 bei seiner Einschulung trägt, erinnert an den Kreuzer Emden, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges von einem englischen Verband bis auf den letzten Mann versenkt wurde.

Obwohl das offizielle Aufnahmealter des Deutschen Jungvolks in der HJ zehn Jahre betrug, meldete der Vater den gerade sieben Jahre alt gewordenen Sohn bereits im März 1933 an. Walters Uniform ist perfekt. Vor allem die hohen Schnürstiefel waren teuer. Er posiert in der „Rührt-Euch-Stellung“ vor der Kamera: „Der Oberkörper ist aufgerichtet, die Brust leicht gewölbt, die Schultern in gleicher Höhe, der Kopf wird hochgetragen, der Blick ist geradeaus gerichtet (...) der linke Fuß vorgesetzt (...).“ Auf dem Familienporträt 1936 steht Walter wie 1927 im Zentrum des Bildes. Am Revers des väterlichen Anzugs stecken ein Teilnehmerabzeichen des Ersten Weltkriegs und die Abzeichen der NSDAP und der SA. Frontsoldat war der Vater nicht. Den SA-Dienst leistet er als Kassierer eines Sportvereins der SA. Die Mutter ist abzeichenlos. Sie litt unter chronischem Asthma, auch ein Alibi für die Nichtorganisation in einer nationalsozialistischen Organisation. Walter trägt das rautenförmige Abzeichen der Hitlerjugend und das Leistungsabzeichen des Deutschen Jungvolks. Seit Ostern 1936 besuchte er die Helmholtz-Oberrealschule, in Augen des Vaters ein entscheidender Karriereschritt.

Nach sechsjährigem Jungvolkdienst trug Walter die Führerschnur. Er war Jungenschaftsführer. Eine Jungenschaft umfasste zehn Pimpfe. Die Karriere war zwar bescheiden, erfüllte aber wenigstens prinzipiell die Erwartungen des Vaters hinsichtlich der „Führernatur“ seines Sohnes. Die Karriere des Sohnes sollte belegen, was im Vater steckte, dessen Talente durch die widrigen Umstände seiner Kindheit und Jugend und, vor allem, die „Systemzeit“ der Weimarer Republik blockiert gewesen seien. In der wie die gesamte Jugendorganisation Hitlerjugend genannten Organisation der Vierzehn- bis Achtzehnjährigen ist die Wahl zwischen der allgemeinen HJ und am Militär orientierten speziellen Einheiten möglich. Walter tritt der Reiter-HJ bei, einer exklusiven Einheit, die vor allem von gutsituierten bürgerlichen Jugendlichen bevorzugt wird. Sie ist nicht durch militärischen Drill geprägt wie die allgemeine HJ. Reitstunden müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Der Vater zahlt gern, weil der Sohn Offizier werden soll. Walters Notizbuch aus dem Jahr 1940 zeigt, dass er gern reitet. Er ist ausgesprochen tierlieb. In Geheimschrift notiert er die Interessen, die sich mit der Pubertät Bahn brechen: Kino, Cafébesuche, Musik, Mädchen, Fußball. Die schulischen Leistungen verschlechtern sich dramatisch, und er muss eine Klasse wiederholen.

Das Erscheinungsbild des Sechzehnjährigen, lange Haare, deren Länge durch viel Pomade kaschiert wird, Hosen mit Schlag und ein heller Staubmantel, entspricht nicht dem Idealbild des deutschen Jungen. Die Musik, die Walter gern hört, ist „heiße“ Musik, Swing. Die Ablehnung des Swing als „undeutsche Niggerei“ oder „Gejüdel“, der aktuelle Superstar des Swing Benny Goodman ist jüdischer Abstammung, ist nicht spezifisch nationalsozialistisch. Spezifisch ist die rassistisch motivierte Ablehnung. Walters Äußeres entspricht dem Stil der Jugendlichen, die mit Kriegsbeginn 1939 von der Gestapo als Swing-Jugend verfolgt wird. Walter wird mehrmals von der Gestapo verhaftet und verhört. Den nicht wenig aufgebrachten Vater „beruhigt“ er dadurch, dass er sich freiwillig zur Wehrmacht meldet. Bereits Sechzehnjährige können in die Offizierslaufbahn eintreten. Offizier soll Walter werden. Die Maschinerie des Krieges entscheidet anders.

Walter wird als Flakhelfer eingezogen und dient in einer Flakbatterie an der holländischen Küste. Im Januar 1944 folgt der Reichsarbeitsdienst, im Mai 1944 wird er Soldat. Der Vater bedrängt ihn, sich für die Offizierslaufbahn zu melden. Walter will nicht. Er hatte sich zu den Fallschirmjägern gemeldet, weil er annahm, dass dort der Krieg angenehmere Seiten habe als bei der Infanterie. 1944 gibt es keine deutschen Fallschirmjäger mehr. Walter meldet sich zur Division Hermann Göring, weil sie hochmotorisiert ist. Dem Vater gefällt das, weil er Hermann Göring verehrt. In einem seiner letzten Briefe schreibt Walter dem Vater: „Sollte ich wirklich einmal Pech haben, dann darfst du als großer Nazi erst recht nicht verzweifeln, denn es heißt doch, dass kein Opfer zu groß sein kann.“ Walter fällt am 16. Januar 1945. Er war ein tapferer Soldat, trotz der Distanz zum Nationalsozialismus. Durch die Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz fühlte sich der Vater mitausgezeichnet. Der Tod, im Jargon des NS-Systems und des Vaters ein „Heldentod“, war der Beweis, dass der Vater als Erzieher im nationalsozialistischem Geist letztlich doch nicht versagt hatte. Das Erinnerungsbild, das bis zum Tode des Vaters, der als letzter der Familie starb, den Ehrenplatz in der Stube hatte, zeigt den Sechzehnjährigen, der das Leben liebte.

 

 

Die Lebensgeschichte Walter Schreibers ist in doppelter Weise vom Wunsch des Vaters nach einer nationalsozialistischen Lebenskarriere des Sohnes geprägt. Einerseits Anpassung an väterliche Autorität und die Erwartungen des NS-Systems, andererseits ein selbstbestimmtes, sorgfältig abgeschirmtes Leben, in dem das wichtig war, was den Jugendlichen interessierte.



Autor/in: Jürgen Steen
erstellt am 01.01.2003
 

Verwandte Personen

Göring, Hermann


Schreiber, Walter

Verwandte Begriffe

Deutsches Jungvolk


Gestapo


NSDAP


Pimpf


SA


Swing


Swingjugend

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