Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess: Dr. Otto Wolken

Dr. Otto Wolken auf der Rampe von Auschwitz wenige Tage nach der Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die russische Armee im Januar 1945

Dr. Otto Wolken, 1964

Der Auschwitz-Überlebende Otto Wolken berichtet dem Gericht über die selbst für das Todeslager Auschwitz extreme Steigerung, die mit der Vernichtung der ungarischen Juden im Frühjahr 1944 erfolgte.

 

Der Arzt Otto Wolken war bei seiner Aussage im Auschwitz-Prozess 60 Jahre alt und lebte in Wien. Nach zwei Jahren im KZ Zweibrücken wurde er im Sommer 1943 aus Wien nach Auschwitz verschleppt. Er war jüdisch. Seine Häftlingsnummer war 128.828.

 

Als erster Zeuge im Auschwitz-Prozess sagte Otto Wolken aus. In seiner erschütternden Aussage, die über zwei Verhandlungstage ging, legte er ausführlich Zeugnis ab über die Existenzbedingungen der Häftlinge im Quarantänelager von Auschwitz-Birkenau. Als einer der Häftlingsärzte versuchte er mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, die von Hunger, sadistischen Misshandlungen und schwerster körperlicher Arbeit gezeichneten Häftlinge zu versorgen. Wolken gab dem Gericht einen ersten Eindruck davon, was es bedeutet hatte, Häftling in Auschwitz zu sein. Ferner schilderte er auch die selbst für das Todeslager Auschwitz extreme Steigerung, die sich mit der Vernichtung der ungarischen Juden vollzog.

Leitet Herunterladen der Datei einTondokument: Aussage des Zeugen Lajos Schlinger im Auschwitz-Prozess; © Fritz Bauer Institut

 

„Ich habe hier früher schon erwähnt – anläßlich der Selektionen –, daß die Ungarntransporte plötzlich eine Umwälzung im ganzen Betrieb mit sich brachten. Denn plötzlich funktionierte das Reisebüro Eichmann wieder, und es kamen Tag für Tag vier, fünf, sechs, manchen Tags sogar zehn Züge nach Auschwitz. Auf der Rampe war großer Betrieb. Es wurden Tausende und Abertausende Menschen täglich vergast. Die Krematorien reichten nicht mehr aus, das anfallende Leichenmaterial aufzuarbeiten. Es wurden riesige Gräben gegraben, und zusätzlich zu der Arbeit im Krematorium wurden noch Tausende Leichen in offener Grube verbrannt. Tag und Nacht loderte das Feuer, nachts war der Himmel weithin blutrot gefärbt. Und wenn der Wind schlecht stand, hatten wir im Lager den Gestank des verbrannten Fleisches.“

 

 

Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S. 75f.

Der Auschwitz-Überlebende Wolken berichtet dem Gericht über die selbst für das Todeslager Auschwitz extreme Steigerung, die mit der Vernichtung der ungarischen Juden im Frühjahr 1944 erfolgte.



Autor/in: Monica Kingreen
erstellt am 01.01.2006
 

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