„eine einzige Zone der Vernichtung“ - Der erste Großangriff auf Frankfurt am 4. Oktober 1943

Nachtangriff auf Frankfurt am Main 1943.

Löscharbeiten in der Töngesgasse nach dem Angriff vom 4. Oktober 1943.

Geretteter Hausrat auf dem Liebfrauenberg gegenüber dem zerstörten Haus Braunfels nach dem 4. Oktober 1943.

Vor dem Haus nach dem 4. Oktober 1943.

Bergung von Hausrat in der Paradiesgasse in Sachsenhausen nach dem 4. Oktober 1943.

Am Wasserweg in Sachsenhausen nach dem 4. Oktober 1943.

Ausgabe von Verpflegung nach dem 4. Oktober 1943.

Aufräumarbeiten in der Mainluststraße nach dem 4. Oktober 1943.

Zeil, Ecke Hasengasse nach dem 4. Oktober 1943.

Frankfurt wurde am 4. Oktober 1943 tagsüber von großen Bomberverbänden der USAAF und am Abend von rund 300 RAF-Bombern angegriffen. Während die Amerikaner ihr Ziel weitestgehend verfehlten, führten die Briten das erste Flächenbombardement durch, bei dem insgesamt 587 Menschen starben und insbesondere Teile des östlichen Stadtgebiets zerstört wurden.

Frankfurt am Main wurde am 4. Oktober 1943 zum Ziel eines alliierten Doppelschlags. Um 10.41 Uhr setzte an dem schicksalsschweren Oktobertag das durch Mark und Bein gehende Heulen der Luftschutzsirenen ein. Zum ersten Großangriff auf Frankfurt bei Tage waren am frühen Morgen vier Verbände der 8th U. S. Army Air Force (USAAF) mit zusammen 323 B-17-Bombern von englischen Flugbasen aufgestiegen. Die "Fliegenden Festungen" hatten den Befehl, die für den Flugzeugbau produzierenden Heddernheimer Kupferwerke und das Frankfurter Stadtgebiet anzugreifen.

Aufgrund eines Navigationsfehlers erreichten nur zwei Kampfverbände den Zielort, über dem sie ihre Spreng- und Brandbomben aus großer Höhe und nicht eben zielgenau abwarfen. Obwohl der erste Tagesangriff elf Menschenleben forderte und vor allem in Heddernheim erhebliche Gebäudeschäden verursachte, war der Kelch noch ein letztes Mal an Frankfurt vorübergegangen. Die Luftschutzwarnzentrale gab um 12.11 Uhr mit einem gleichbleibenden Dauerton der Sirenen Entwarnung.

Gegen 21 Uhr heulten am 4. Oktober 1943 die Sirenen zum zweiten Mal. Suchscheinwerfer tasteten den Nachthimmel ab und die Flak feuerte aus allen Rohren, als starke Bomberverbände der Royal Air Force (RAF) die verdunkelte Stadt angriffen. Dem von 300 viermotorigen Lancaster- und Halifax-Maschinen gebildeten Bomberstrom flog eine "Pfadfindergruppe" mit 15 Erstmarkierern voraus, die das Angriffsziel mit Hilfe des Bordradars H2S ansteuerten und mit Leuchtbomben kennzeichneten. Zusätzliche Orientierungshilfe gaben rote Leuchtkaskaden, die gleich brennenden Christbäumen vom Himmel schwebten. "Erst kommt der Christbaum, dann die Bescherung"1 unkte damals der Volksmund.

Der angehende Einzelhandelskaufmann Gustav Karl (Gus) Lerch hatte am 4. Oktober 1943 noch einen der nichts Gutes verheißenden Christbäume beobachtet, bevor er sich in dem zum Öffentlichen Luftschutzraum ausgebauten Keller des Arnsburger Hofes in Sicherheit brachte. "Wir sassen", erinnerte sich Lerch noch Jahrzehnte später an die traumatische Bombennacht, "geduckt in unserem Keller auf Bänken, oder auf den Luftschutzbetten, und waren mucksmäuschenstill und voller Angst, als das ohrenbetäubende Abwehrfeuer der Frankfurter Flak und die näher kommenden Bombeneinschläge und Explosionen sich zu einem gewaltigen Inferno steigerten."2

Als Lerch sich gegen halb zwölf mit seiner Mutter wieder ins Freie wagte, schimmerte der Himmel über dem Frankfurter Osten und Süden glutrot - dort war das Gros der 150 Luftminen, 500 Sprengbomben, 16.000 Flüssigkeits- und 217.000 Stabbrandbomben niedergegangen. Das ganze Ausmaß der Zerstörungen zeigte sich erst am Morgen danach, als noch immer beißender Brandgeruch in der Luft lag und dunkle Rauchschwaden über der Stadt hingen. Im Stadtzentrum hatte es den Römer, die Gegend am Liebfrauenberg und die Töngesgasse besonders schwer getroffen. Die Kleinmarkthalle lag in Trümmern.

Die schlimmsten Verwüstungen hatten die Bombenteppiche in den östlichen Stadtteilen angerichtet. Von der Friedberger Anlage über den Ostbahnhof, die Hanauer Landstraße, den Osthafen bis zum östlichen Sachsenhausen und Oberrad erstreckte sich "eine einzige Zone der Vernichtung".3 Die Gauwirtschaftskammer Rhein-Main registrierte in einer nach dem ersten Großangriff angefertigten und als "Geheim" eingestuften Schadensbilanz rund 120 zumeist in dem industriell geprägten Frankfurter Osten und in Sachsenhausen ansässige, vollständig zerstörte Handelsfirmen, Fabriken und Betriebe, darunter eine der beiden Hafenmühlen, drei Kohlen- und sechs Lebensmittelgroßhandlungen sowie zwei Mineralöl verarbeitende Betriebe.

Übel mitgespielt wurde bei dem Großangriff den wenigen noch in Frankfurt verbliebenen und im Ostend wohnenden Juden, denen der Zutritt zu Bunkern und Öffentlichen Luftschutzräumen verwehrt wurde. Mit dem am 4. Oktober 1943 im Verlauf des Großangriffs Durchlittenen steht der alteingesessene jüdische Bürger Singer vermutlich nicht allein. Als gegen 21 Uhr Fliegeralarm gegeben wurde, wollte der im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse dekorierte Singer mit seiner nichtjüdischen Ehefrau im unsicheren Kohlenkeller ihres Wohnhauses Deckung suchen. Den Zugang zum Luftschutzkeller verweigerte der als "fanatischer Judenhasser" gefürchtete Luftschutzwart. In Anbetracht des einsetzenden Bombenhagels überstimmte die "Hausgemeinschaft" den rabiaten Luftschutzhauswart und nahm die Singers in den Luftschutzraum auf. Allerdings nur für kurze Zeit, denn das Gebäude stand schon bald in Flammen, so dass sich die Schicksalsgemeinschaft in einen bereits dicht besetzten benachbarten Luftschutzkeller retten musste. Dort wurde Singer und ein anderer Jude von Bekannten in die dunkelste Ecke gelenkt, wo sie stundenlang von der Menge abgewandt mit einer Handpumpe Luft in den überfüllten Raum pumpten. Alle Insassen dieses Luftschutzkellers kamen noch einmal mit dem Leben davon.4

Anderenorts boten sich den in der "Luftschutzpolizei" zusammengefassten Rettungsmannschaften Bilder des Grauens, konnten unter den Trümmern der Häuser nur noch die Leichname der Bewohner hervorgeholt werden. So stießen die Helfer im Keller der Lenaustraße 28 auf die sterblichen Überreste von 14 Frauen, zehn Kindern und einem Soldaten, in der Waldschmidtstraße 91 wurden 28 Opfer der Bombennacht identifiziert, und in der Hanauer Landstraße 142 konnten bei Voigt & Haeffner 34 Mitarbeiter nur noch tot geborgen werden. Unter der zerbombten Häuserzeile Zobelstraße 1 bis 7 fand der Technische Notdienst 14 Luftkriegstote, darunter auch den von der Familie getrennt lebenden Vater von Gus Lerch.

Bei dem ersten von 14 schweren Großangriffen auf Frankfurt am Main starben 525 Zivilisten, zwölf Soldaten der Wehrmacht, zwölf Kriegsgefangene, 25 ausländische Arbeitskräfte und 13 abgeschossene Angehörige der Royal Air Force - insgesamt kostete der "Terrorangriff" 587 Menschenleben. 1.844 Verletzte mussten medizinisch versorgt und 9.172 Obdachlose in Notquartieren untergebracht werden.5

Die Tage danach standen ganz im Zeichen der Aufräumungsarbeiten und der Trauer. Viele suchten aus Angst vor weiteren Angriffen Zuflucht in der Region, manche übernachteten unter freiem Himmel im Stadtwald. Die NSDAP diffamierte das Verhalten als "feige" und "würdelos". Täglich füllten Todesanzeigen mehrere Seiten in der Lokalpresse.

Die Beisetzungs- und Trauerfeiern fanden am 10. Oktober 1943 statt und begannen um neun Uhr am Morgen auf dem Ehrenfeld des Oberräder Waldfriedhofs mit einer Veranstaltung der NSDAP-Kreisleitung. Für alle Gläubigen richtete die Stadt um halb elf mit zwei Pfarrern eine konfessionelle Trauerfeier aus, an der auch der zum Halbwaisen gewordene Gus Lerch mit seiner Mutter teilnahm. Die offizielle Trauerfeier für die Opfer des Oktober-Angriffs inszenierte die Gauleitung am Nachmittag vor dem zum Teil mit schwarzen Tüchern verhängten Opernhaus. Nach einem Trommelwirbel hielt Gauleiter Sprenger auf dem mit Besuchern dicht besetzten Opernplatz eine Rede, die viel Polemik und wenig Tröstliches für die Hinterbliebenen enthielt. Die Lerchs waren der Propagandaveranstaltung fern geblieben.6

Leitet Herunterladen der Datei einTONDOKUMENT: Erinnerungen von Karl Köhler (*1911), Werkzeugmacher in einer Firma in der Borsigallee, an den Luftangriff am 4. Oktober 1943; © Historisches Museum

Anmerkungen:
1 Zitiert nach: Gustav K. Lerch, Frankfurt am Main im Luftkrieg, Bd. 5: Oktober 1943. Fliegende Festungen, Frankfurt a. M. 2001, S. 24.
2 Ebd., S. 25.
3 Armin Schmid, Frankfurt im Feuersturm. Die Geschichte der Stadt im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1965, S. 49.
4 Ebd., S. 54 ff.
5 Vgl. Lerch, wie Anm. 1, S. 28 und 81.
6 Vgl. "Die Gauhauptstadt nahm Abschied von ihren Gefallenen", in: Rhein-Mainische Zeitung vom 11. Oktober 1943 und Lerch, wie Anm. 1, S. 57.

Literatur:
Bauer, Thomas, "Terror in Quelle Siegfried 5" - Luftschutz und Luftkrieg in Frankfurt am Main 1933-1945, in: HEIMAT/FRONT. Frankfurt am Main im Luftkrieg, hrsg. von Michael Fleiter, Frankfurt a. M. 2013, S. 26-47
Lerch, Gustav K., Frankfurt am Main im Luftkrieg, Bd. 5: Oktober 1943. Fliegende Festungen, Frankfurt a. M. 2001
Schmid, Armin, Frankfurt im Feuersturm. Die Geschichte der Stadt im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1965

Am Abend des 4. Oktober 1943 greifen mehrere hundert Bomber die Stadt an. Zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg wird die Stadt flächendeckend bombardiert.



Autor/in: Thomas Bauer
erstellt am 28.08.2019
 

Verwandte Personen

Lerch, Gustav Karl (Gus)

Verwandte Ereignisse

Nachtangriff mit 400-500 Bombern auf Frankfurt am Main

Verwandte Begriffe

Royal Air Force


USAAF

Verwandte Orte

Luftschutzwarnzentrale Friedrich-Ebert-Anlage 11


Waldfriedhof Oberrad

Verwandte Institutionen

Heddernheimer Kupferwerke

Top