Die Versteigerung „entarteter“ Gemälde aus dem Städelschen Kunstinstitut

Marc Chagall, Winter, 1911/12, ehemals Städtische Galerie. Die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.

Georges Braque, Stilleben, 1924, ehemals Städtische Galerie, Stiftung Sammlung Emil Bührle, Zürich

Georges Braque, Stilleben, 1924, bei der Versteigerung in der Galerie Fischer in Luzern am 30. Juni 1939, zeitgenössische Fotografie

Oskar Kokoschka, Monte Carlo, 1925, ehemals Städtische Galerie. Das Museé d´Art Moderne in Liège erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.

Max Beckmann, Doppelbildnis Karneval, 1925, ehemals Städtische Galerie, Kunstmuseum Düsseldorf

Henri Matisse, Stilleben (Fleurs et Céramique), ehemals Städtische Galerie, seit 1962 wieder Städtische Galerie

Paul Klee, Haus am Weg (Villa R.), 1919, ehemals Städtische Galerie. Die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.

Franz Marc, Der weiße Hund (Liegender Hund im Schnee), 1910/11, ehemals Städtische Galerie, seit 1961 Städelsches Kunstinstitut

Zwölf Werke, die die Nationalsozialisten 1937 aus der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut entfernten, wurden am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung der Galerie Fischer in Luzern angeboten.

Im Sommer 1937 entfernten die Nationalsozialisten auf Geheiß des Propagandaministers Joseph Goebbels so genannte „entartete Kunst“ aus allen Museen des Reiches. Die beschlagnahmten Objekte, darunter auch solche aus dem Städelschen Kunstinstitut, lagerten in Schloss Niederschönhausen und in Lagerhäusern in Berlin. Ein Teil der Werke war später in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Für den weiteren Umgang mit den Exponaten schlug Hermann Göring einen devisenbringenden Verkauf von Werken ins Ausland vor. Goebbels gründete daraufhin im Frühjahr 1938 eine „Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst“, die die 125 Kunstwerke umfassende Vorauswahl des Propagandaministeriums diskutierte. Die Kommission modifizierte die vorgelegte Liste, schätzte die Mindestgebote ein und wählte das Auktionshaus aus. Mit Theodor Fischer in Luzern wählte die Kommission den einzigen nicht-jüdischen Kunsthändler in der politisch sich neutral gebenden Schweiz.

Die Auktion fand am 30. Juni 1939 statt. Sie war durch eine außerordentlich hohe Qualität der Versteigerungsobjekte gekennzeichnet. Arbeiten der bekanntesten europäischen Künstler, darunter zwölf der im Städel beschlagnahmten Gemälde, wurden angeboten und zum größten Teil verkauft.
Bei der Versteigerung waren europäische und amerikanische Sammler und Kunsthändler, darunter einige Emigranten, Vertreter der europäischen Museen, Journalisten, Zuschauer und Beobachter des Propagandaministeriums anwesend. Größtes Interesse der deutschen Regierung lag darin, nicht als Nutznießer der Verkaufsaktion erkannt zu werden. Theodor Fischer war angewiesen, keinerlei verräterische Hinweise im Katalog zu hinterlassen. Verbreitet wurde vielmehr, der Verkaufserlös käme den betroffenen Museen für Neuankäufe zugute. Tatsächlich jedoch erhielten nur wenige Museen eine kleine Entschädigung, die nie zum Ankauf adäquater Werke gereicht hätte.

Die Auktion war nur ein begrenzter Erfolg. Nicht alle Werke wurden verkauft, 38 erzielten nicht einmal das Mindestgebot. Den Verkaufserlös von 500.000 SF (etwa 115.000 Dollar) überwies Fischer vertragsgemäß auf ein Londoner Konto. Der Grund war ein Boykott von Händlern und Sammlern, als durchgesickert war, wohin der Erlös tatsächlich fließen würde. Um den Nationalsozialisten einen möglichst geringen finanziellen Erfolg zu bescheren, aber auch um die Kunstwerke zu sichern, waren die Gebote niedrig. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass dies die einmalige Gelegenheit war, billig an Kunstwerke zu gelangen, die unter normalen Umständen nie in den Handel gelangt wären.

Folgende zwölf, der im Städelschen Kunstinstitut beschlagnahmten Werke (1 Plastik, 11 Gemälde) wurden bei der Versteigerung angeboten:

 

Ernst Barlach, Christus und Johannes, 1926

Max Beckmann, Doppelbildnis Karneval, 1925

Max Beckmann, Zichorien-Stilleben (Blaue Blumen), 1930

Georges Braques, Stilleben, 1924

Marc Chagall, Winter, 1911/12

Paul Gauguin, Aus Tahiti, 1902

Paul Klee, Haus am Weg (Villa R.), 1919

Oskar Kokoschka, Dr. Hermann Schwarzwald, 1911

Oskar Kokoschka, Monte Carlo, 1925

Franz Marc, Der weiße Hund (Liegender Hund im Schnee), 1910/11

Henri Matisse, Stilleben (Fleurs et Céramique), 1917

Pablo Picasso, Frauenkopf (Buste de femme), 1922

 

<Abb.1><Abb.2>

 

 

 

 

 

<Abb.3><Abb.4>

 

 

 

<Abb.5><Abb.6>

 

 

<Abb.7><Abb.8>

 

 

Literatur::

Ausst.Kat. „Entartete Kunst“. Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland, Stephanie Barron (Hg.), München 1992

Ausst.Kat. ReVision. Die Moderne im Städel 1906-1937, Klaus Gallwitz (Hg.), Ostfildern 1991

Nicole Roth, „Entartete Kunst“ in Frankfurt am Main. Die Beschlagnahme der Gemälde im Städel 1936/37. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 191–214

Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratsakten 7864 und 7865; Magistratsakten 8098 bis 8100; Magistratsakten 8107

Zwölf Werke, die die Nationalsozialisten 1937 aus der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut entfernten, wurden am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung der Galerie Fischer in Luzern angeboten.



Autor/in: Janine Burnicki
erstellt am 01.01.2003
 

Verwandte Personen

Goebbels, Joseph


Göring, Hermann

Verwandte Ereignisse

Versteigerung „entarteter“ Gemälde aus dem Städelschen Kunstinstitut in Luzern

Verwandte Begriffe

entartete Kunst

Verwandte Orte

Ausstellung „Entartete Kunst“


Galerie Fischer


Städelsches Kunstinstitut

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