Emigration von Frankfurter Juden ins Ausland (Überblick)

Die mit der Machtübernahme des NS-Regimes einhergehenden Repressalien bewegten bereits 1933 mehr als 2.000 Frankfurter Juden, Zuflucht im Ausland zu suchen. Von 1934 bis zum Novemberprogrom 1938 blieben die jährlichen Zahlen geringer, um danach bis zum Kriegsbeginn stark anzuwachsen. Jüdische Hilfsorganisationen versuchten dabei nach Kräften, den negativen Folgen begrenzter Aufnahmebereitschaft im Ausland und finanzieller Ausplünderung in Deutschland entgegenzuwirken. Mit Beginn der Deportationen im Oktober 1941 wurde die Rettung durch Emigration faktisch unmöglich.

Wie die folgende Statistik zeigt, hat die NS-Machtübernahme und die damit beginnende Verfolgung bereits im Jahr 1933 über 2000 Frankfurter Juden zur Emigration veranlasst. Die Zahlen gingen in den nächsten beiden Jahren auf mehr als die Hälfte zurück. Die Zunahme 1936 ist wahrscheinlich auf den Erlass der Nürnberger Rassegesetze im September 1935 zurückzuführen. 1937 reduzierten sie sich wieder, um 1938, vor allem nach dem Novemberpogrom, wieder stark in die Höhe zu gehen. Allein in 1939 wanderten bis Kriegsbeginn im September mehr als 4000 Juden aus. Nach Kriegsbeginn schwanden die Möglichkeiten drastisch, und nachdem im Oktober 1941 die Deportationen in den Osten begannen, gelang nur noch weniger als 50 Menschen die Übersiedlung ins rettende Ausland.


JahrZahl der AuswandererZusatz
19332.134 
1934803 
1935623 
19361.318 
1937911 
19382.814(davon mehr als 1.100 im November/Dezember nach dem Novemberpogrom)
19394.287(bis September)
1939-19401.047(1. Oktober - 30. September)
1940-1941462(1. Oktober - 30. September)
1941-194249(1. Oktober - 30. September)

 

 













Zusammen sind es 14.448 Auswanderungen, zusammengestellt nach Dokumente, S. 418ff. und „Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt“ Nr. 8, Mai 1936, S. 325.

 

In seinen 1961 verfassten Erinnerungen schildert Max Hermann Maier seine Erfahrungen als Leiter der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Frankfurt (Auswandererberatung) von 1936–1938. Sein Büro in der Königswarterstraße (Quinkestraße) 24 arbeitete dabei eng mit der Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege und dem Provinzialverband der Jüdischen Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau zusammen. Die für die Beratung wichtigen Informationen erhielt das Frankfurter Büro von der Zentrale in Berlin, über die auch der gesamte offizielle Schriftverkehr mit dem Ausland gehen musste. Die Arbeit der Auswandererberatung bestand dabei nicht nur in Beratung, sondern auch in finanzieller und organisatorischer Hilfestellung. Bis etwa 1936 wurde seitens der jüdischen Institutionen versucht, die Auswanderung planvoll zu organisieren (durch vorherige berufliche Umschulungen, Sprachunterricht usw.), obwohl bis dahin Auswanderung (vor allem nach Palästina) als politisches Programm zwischen den Fraktionen der Gemeindevertretung noch heftig umstritten war.

Nach 1936 trat die „unterstützte und beratene Flucht“ in den Vordergrund der Bemühungen, d.h. die Einsicht, möglichst schnell möglichst viele jüdische Menschen den Zugriffsmöglichkeiten des NS-Regimes zu entziehen, hatte sich durchgesetzt. Auch wenn Maier in der Rückschau das Verhalten der mit der Auswanderung befassten deutschen Behörden (mit Ausnahme der Gestapo und der Passstelle im Polizeipräsidium) bis 1938 als einigermaßen korrekt wahrgenommen hat, waren die Bedingungen für die Betroffenen hart genug: Aufnahmebereite Länder und dort ansässige Verwandte oder sonstige Bürgen mussten gefunden werden, die Reise selbst war zu organisieren und zu bezahlen, vom eigenen Vermögen konnte mit zunehmender Verschärfung der NS-Verordnungen immer weniger in die neue Heimat transferiert werden. Ab 1938 musste z.B. das Reichsmarkguthaben der Auswanderer an die Deutsche Golddiskontbank verkauft werden, die zunächst 18% des Betrages, später 4% und am Ende gar nichts mehr in Devisen auszahlte. Auch von ihrem sonstigen Eigentum konnten die Auswanderer immer weniger mit auf die Reise nehmen (siehe dazu unten unter Dokumente zu diesem Artikel).

Unter diesen schwierigen Bedingungen half die große Solidarität in- und ausländischer jüdischer Organisationen, sodass, nach der Erinnerung Maiers, kein Auswanderungsvorhaben an mangelnden Geldmitteln gescheitert ist. Bei Christen jüdischer Herkunft gelang es der Auswanderungsberatung meist, aus christlichen Hilfsfonds bzw. Spenden des jeweiligen Pfarramts finanzielle Unterstützung zu gewinnen.

 

Literatur::

Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, 1933–1945, hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1963, S. 382–421

 

 

Die mit der Machtübernahme des NS-Regimes einhergehenden Repressalien bewegten bereits 1933 mehr als 2000 Frankfurter Juden, Zuflucht im Ausland zu suchen. Von 1934 bis zum Novemberprogrom 1938 blieben die jährlichen Zahlen geringer, um danach bis zum Kriegsbeginn stark anzuwachsen. Jüdische Hilfsorganisationen versuchten dabei nach Kräften, den negativen Folgen begrenzter Aufnahmebereitschaft im Ausland und finanzieller Ausplünderung in Deutschland entgegenzuwirken. Mit Beginn der Deportationen im Oktober 1941 wurde die Rettung durch Emigration faktisch unmöglich.



Autor/in: Ernst Karpf
erstellt am 01.01.2003
 

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Emigration

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Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau


Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege

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